Martin R. Textor
 

In welcher Welt werden unsere Kinder leben? Konsequenzen aus der Zukunftsforschung für Bildung und Erziehung

Martin R. Textor

 

Bei der Erziehung und Bildung von Kindern geht es immer um deren Zukunft. Wir wollen ihnen diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten mitgeben, die sie benötigen, damit sie später in der Arbeitswelt erfolgreich sein, positive Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und ihr persönliches Glück finden können.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssten wir uns eigentlich Fragen wie die folgenden stellen: In was für einer Welt werden unsere Kinder in 20 oder 40 Jahren zurechtkommen müssen? Mit welchen Herausforderungen werden sie dann konfrontiert werden? Wie können wir unsere Kinder fit für die Zukunft machen? Was benötigen sie an Kenntnissen und Fertigkeiten, um in 30 Jahren beruflich und privat erfolgreich sein zu können?

Sonderbarerweise stellen sich Eltern, Erzieher/innen, Lehrer/innen, Verfasser/innen von Lehr- und Bildungsplänen, Erziehungswissenschaftler/innen und Bildungspolitiker/innen nur außerordentlich selten diese Frage. Vielmehr wird rückwärts gerichtet gedacht:

  • Eltern fragen: Wie wurde ich als Kind erzogen? Will ich meine Kinder genauso erziehen – oder was will ich ändern?
  • Erzieher/innen fragen: Wie kann ich die Vorgaben des landesspezifischen Kita-Gesetzes und Bildungsplans in meiner Kindergruppe umsetzen? Entwickeln sich alle Kinder normal?
  • Lehrer/innen fragen: Wie berücksichtige ich die Ziele und Inhalte des Lehrplans in meinem Unterricht? Haben meine Kinder das gelernt, was sie in den letzten Tagen lernen sollten? Und bei diesen Fragen bedenken weder Erzieherinnen noch Lehrer, dass die gesetzlichen Vorgaben, der Bildungsplan bzw. die Lehrpläne schon einige Jahre oder gar Jahrzehnte alt sind!
  • Verfasser/innen von Lehr- und Bildungsplänen fragen: Was stand bisher in den Curricula? Was muss jetzt an neuen Bildungsinhalten dazu kommen, was kann gestrichen werden? – Hierzu nur als Randbemerkung: Sonderbarerweise wird immer weniger gestrichen als hinzu kommt, betrachten Sie als Beispiel alte und neue Lehrpläne für Gymnasien oder vergleichen Sie den ersten Entwurf des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans mit der derzeitigen Fassung! Und wenn die neuen Inhalte endlich in der Praxis berücksichtigt werden, sind sie schon längst nicht mehr aktuell!
  • Erziehungswissenschaftler/innen fragen: Was wurde früher in empirischen Studien über das Verhalten und Erleben von Kindern, über ihre Erziehung und Sozialisation herausgefunden? Was sind die Unterschiede im Vergleich zu den neuen Untersuchungen? Wobei die "neuen" Forschungsergebnisse oft auf vor zwei oder drei Jahren gesammelten Daten beruhen – so lange dauert es, bis sie ausgewertet und in Fachzeitschriften bzw. Büchern veröffentlicht wurden.
  • Bildungspolitiker/innen fragen: Wieso waren die Kinder früher besser erzogen, also weniger verhaltensauffällig und psychisch gestört? Was läuft jetzt in den Familien und Schulen falsch? Was muss anders werden?

Aber wir wollen unsere Kinder doch nicht für ein Leben in der Vergangenheit bilden und erziehen, sondern für ein Leben in der Zukunft! Dann müssen sie sich bewähren! Deshalb müssen wir dringend umdenken, also überlegen, wie sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiterentwickeln werden, welche Qualifikationen unsere Kindern dann benötigen und wie wir jetzt die Grundlagen dazu legen können.

Natürlich ist es nicht einfach, die Zukunft vorauszusagen. Manches kann einfach nicht vorhergesehen werden - z.B. Katastrophen wie ein neuer Weltkrieg, ein Atomkrieg, gleichzeitige Attacken von Terroristen auf Atomkraftwerke in mehreren Ländern oder eine weltweite hochansteckende Seuche. Und manches, was vielleicht eintreffen könnte, wollen wir gar nicht wissen: Wie Sie wissen, wurden die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren von einem vier mal vier mal sechs Kilometern großen Asteroiden ausgerottet. Laut der US-Raumfahrtbehörde Nasa treffen Geschosse mit einem Durchmesser von über einem Kilometer die Erde alle 600.000 Jahre; kleinere Einschläge soll es alle 2.000 bis 3.000 Jahre geben. Derzeit sind 906 potenziell gefährliche Asteroiden bekannt - einer mit der Nummer 2004 VD17 könnte mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1.500 am 04.05.2102 die Erde treffen. Er wird auf 500 bis 1.200 Meter geschätzt; beim Aufprall auf die Erde würde eine Energie freigesetzt, die der Sprengwirkung von etwa 15.000 Megatonnen TNT entspricht. Sollte dies passieren, werden dies einige unserer Kinder noch erleben...

Dennoch, die Zukunft hat schon begonnen: Für viele Lebensbereiche gibt es bereits relativ verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse über Entwicklungstendenzen bis zum Jahr 2050. Lassen Sie mich einige der bekanntesten für die Bereiche Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik zusammenfassen.

Weltweite Entwicklungen

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von 6,7 auf ca. 9,3 Mrd. Menschen anwachsen. Dann kämen 69 Menschen auf einen Quadratkilometer Landfläche (ohne Antarktis) - in Deutschland sind es derzeit 230 Menschen. Allerdings findet das Bevölkerungswachstum vor allem in Regionen statt, die schon jetzt Probleme mit Wassermangel, unzureichender landwirtschaftlicher Produktion und Armut haben. Hier ist in Zukunft mit Wanderungsbewegungen zu rechnen.

Das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung wird von 27,6 Jahren im Jahr 2004 auf 38,1 Jahre im Jahr 2050 steigen. Der Anteil der über 60-Jährigen wird von gut 10% auf knapp 22% zunehmen und der Bevölkerungsanteil der Kinder bis 15 Jahre von fast 30% auf knapp 20% zurückgehen. Viele Staaten - neben den europäischen Ländern z.B. Japan und China - werden Probleme wegen der Überalterung der Gesellschaft haben.

In den kommenden Jahrzehnten wird der Trend zur Urbanisierung weiter zunehmen; immer mehr Menschen werden in Städten und Ballungsräumen wohnen. Im Jahr 2015 wird es schon 59 Megacities mit mehr als 5 Mio. Einwohnern geben. Außerhalb Europas werden sie zunehmend in Wolkenkratzern leben und arbeiten: Alleine in Peking werden in den nächsten Jahren 300 Hochhäuser gebaut. Ein ähnlicher Bauboom findet in Schanghai, Dubai, Seoul und vielen anderen Großstädten des Nahen und Fernen Ostens statt. Dabei geht es immer höher hinaus: Der Burj Dubai ist inzwischen das größte Gebäude der Welt, obwohl er sich noch im Bau befindet: Er hat das Taipeh 101 mit 509 Metern Höhe überholt und soll 810 Meter groß werden. Aber ganz in der Nähe soll Al Burj entstehen; hier werden 1.000 Meter als Zielmarke genannt. Kleine Parks, öffentliche Plätze und sogar Biosphären sollen in die Wolkenkratzer eingebaut werden.

In den Städten wird es immer größere Umweltprobleme (Luftverschmutzung, kein/ unsauberes Wasser, Müllberge, unzureichendes Klären von Abwasser) und immer mehr Armut geben. Im Jahr 2040 soll sich die Zahl der in Slums lebenden Städter gegenüber 2007 auf 2 Mrd. Menschen verdoppelt haben.

Umweltverschmutzung und -zerstörung werden in Asien, Afrika und Südamerika stark zunehmen (z.B. Wasserverschmutzung durch Chemikalien, mehr saurer Regen). Immer mehr (Regen-) Wald wird abgeholzt werden - derzeit gehen 43.000 Quadratkilometer Wald pro Jahr verloren. So wird 2030 beispielsweise schon mehr als die Hälfte des Amazonas-Dschungels zerstört sein. Mit der Vernichtung ihres Habitats sterben auch immer mehr Spezies aus - im Jahr 2100 soll es nur noch halb so viele wie heute geben.

Es wird erwartet, dass der geopolitische Einfluss von USA und Westeuropa in den kommenden Jahrzehnten stark abnehmen wird. Hingegen wird die politische Bedeutung von China, Indien, Brasilien und einigen anderen Staaten wachsen, die schon bald keine "Schwellenländer" mehr sein werden: Hier werden bis 2040 zwischen 2 und 3 Mrd. Menschen zu Wohlstand gelangen. Aufgrund der wachsenden Ungleichheit in diesen Staaten könnte es aber auch immer häufiger zu Unruhen kommen. Ein großes Konfliktpotenzial besteht ferner in Ländern mit verschiedenen ethnischen Gruppen. Die durch Bevölkerungswachstum und Klimawandel bedingte Wasserknappheit in vielen Regionen der Welt könnte zu bewaffneten Konflikten führen. Die Zahl der Atommächte wird wachsen und die Gefahr größer werden, dass auch Terroristen in den Besitz von Massenvernichtungswaffen kommen werden.

Die westliche Kultur, die kapitalistische Wirtschafts- und die demokratische Gesellschaftsordnung sind wohl durch Finanz- und Weltwirtschaftskrise geschwächt worden, werden aber durch multinationale Konzerne, Massenmedien und das Internet weiter verbreitet. Lebensstile, Kleidung und Einstellungen werden in den verschiedenen Weltregionen immer ähnlicher werden (globale Kultur).

Klimawandel

In den letzten Jahren wird die Zunahme der Welt-Durchschnittstemperatur immer mehr problematisiert, die vor allem durch den wachsenden Ausstoß von Kohlendioxid durch Energieversorgung, Industrie, Verkehr, Gebäude sowie Land- und Fortwirtschaft verursacht wird. Falls keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, würde die Temperatur bis 2100 weltweit um 4 bis 6 Grad steigen. Dem UN-Klimabericht zufolge könnten Überschwemmungen bzw. Dürren und Wassermangel in vielen afrikanischen, zentralasiatischen und südostasiatischen Ländern zu staatlichem Zerfall und millionenfacher Flucht führen; 20 bis 30 Prozent aller Pflanzen- und Tierarten seien vom Aussterben bedroht.

In Ost- und Südostasien werden bis 2050 die landwirtschaftlichen Erträge um 20 Prozent steigen, in Zentral- und Südasien hingegen um 30 Prozent sinken. Aufgrund des Abschmelzens der Gletscher im Himalaja wird in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten mit gigantischen Überflutungen gerechnet. Sollten die Gletscher in der Arktis und Antarktis sowie in den Gebirgen so stark abschmelzen wie prognostiziert, wird in den kommenden sechs Jahrzehnten der Meeresspiegel stark ansteigen. Allein in Bangladesch könnte auf diese Weise der Lebensraum von 35 Millionen Menschen vernichtet werden. Aber auch die Megastädte Kalkutta, Bombay, Guangzhou, Shanghai, Ho-Chi-Minh-Stadt, Bangkok und Rangun könnten bis zum Jahr 2070 überflutet sein.

In Afrika und Zentralasien werden hingegen Dürren zunehmen, werden sich Wüsten immer weiter ausbreiten. Schon im Jahr 2020 werden in Afrika 75 bis 250 Millionen Menschen unter Wassermangel leiden. In manchen Ländern könnten die Erträge der Landwirtschaft um 50 Prozent zurückgehen.

In Südeuropa wird die Landwirtschaft weniger produktiv sein; der Sommertourismus ist aufgrund der großen Hitze bedroht. Beispielsweise wird der Norden Spaniens bis zum Jahr 2050 ein heißeres und der Süden ein wüstenähnliches Klima haben. An den Küsten wird der Meeresspiegel um durchschnittlich 15 Zentimeter ansteigen. Dann werden bis zu 70 Meter der Strände an der Costa Brava und auf den Balearen verloren gehen. Bodenerosion könnte die Gefahr von Überschwemmungen verstärken, während die höheren Temperaturen und die Trockenheit zu mehr Waldbränden führen könnten.

In Nordeuropa wird hingegen der Heizbedarf sinken, werden der landwirtschaftliche Ertrag sowie die Holzernten steigen. In Zukunft wird man auch im Norden von Skandinavien, Russland und Sibirien Landwirtschaft betreiben können. In Deutschland werden die Sommer trockener und die Winter feuchter werden. Beispielsweise wird sich in Bayern bis 2050 die Zahl der Tage mit Dauerfrost halbieren; dafür werden im Sommer Tage mit Werten über 30 Grad doppelt so zahlreich auftreten wie heute. Wie bereits im Mittelalter werden Weinreben auch in Norddeutschland angebaut werden. Allerdings wird auch mit schweren Stürmen und sintflutartigen Regenfällen im Winter gerechnet, verbunden mit Hochwasser und Murenabgängen in den Bergen. Heiße und trockene Sommer könnten zu hohen Produktionswertverlusten für die Bauern und einem Fichtensterben in den Wäldern führen. Wärme- und trockenheitstolerante Baumarten wie Buche, Eiche oder Ahorn werden immer mehr Nadelbäume ersetzen.

Es gibt allerdings auch ein negativeres Szenario für Europa: So könnte ein durch die Erwärmung der Atmosphäre bedingtes Zusammenbrechen des Golfstroms zu einer neuen Eiszeit führen. Diese könnte innerhalb von drei Jahren einsetzen und z.B. Skandinavien in eine Eiswüste verwandeln. Schließlich liegt Europa auf den gleichen Breitengraden wie Mittelsibirien, Südgrönland und Nordkanada...

Wirtschaft

Die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland wird natürlich nicht nur durch den demographischen Wandel bestimmt werden, sondern auch durch viele andere Faktoren. Dazu gehören vor allem die Globalisierung und die zunehmende Konkurrenz auf den Weltmärkten. Nach verschiedenen Prognosen wird China 2050 die größte und Indien die zweitgrößte Wirtschaftsmacht sein; die Wachstumsraten lagen in den letzten Jahren bei bis zu 10 Prozent. Während Indien das Backoffice der Welt ist, ist China die Fabrikhalle: In Indien bestreiten die Dienstleister mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung; in China erwirtschaften dagegen die Fabriken mehr als die Hälfte des Sozialprodukts. Hier werden heute 109 Millionen Fabrikarbeiter gezählt - mehr als doppelt so viele wie die insgesamt 53 Millionen Fabrikarbeiter aller G7-Länder.

Ein großer Anteil der globalen Industriekonzerne und sogar viele Mittelständler lassen mittlerweile in China produzieren. In Indien wiederum forschen und entwickeln heute mehr als ein Viertel der 500 größten US-Unternehmen. Und während China im vergangenen Jahr mit einem Verkaufswert von 180 Milliarden Dollar erstmals mehr High-Tech-Ware exportierte als jedes andere Land der Welt, besetzen die Inder knapp die Hälfte des globalen Marktes für IT-Dienstleistungen und für das Outsourcing von Geschäftsprozessen allgemein. Aufgrund des Exportbooms hat China mittlerweile mit rund 850 Milliarden Dollar die höchsten Währungsreserven der Welt angesammelt. Zunehmend investieren China und Indien in anderen Ländern. Beispielsweise kaufte Lenovo IBM das PC-Geschäft ab, der Elektronikhersteller TCL übernahm die Fernsehsparte von Thompson aus Frankreich, der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal übernahm die paneuropäische Arcelor-Gruppe.

Aber auch Brasilien und Russland entwickeln sich zu immer größeren Konkurrenten Deutschlands auf den Weltmärkten. Hinzu kommen die "Next-11": Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, Südkorea, die Türkei und Vietnam. Beispielsweise verzeichnet Vietnam die höchsten Wachstumsraten nach China.

Problematischer dürfte für die deutsche Wirtschaft aber sein, dass die Rohstoffvorkommen immer schneller schwinden: Beispielsweise werden die Ölreserven noch etwa 40 Jahre, die Gasvorkommen 60 Jahre und die Kohlereserven - bei heutigem Verbrauch - noch 155 Jahre ausreichen. Berücksichtigt man das Potenzial an vermuteten Reserven, die stetigen Fortschritte in der Fördertechnologie und die großen Teersand- und Schweröl-Ressourcen, könnten Öl und Gas bis zum Ende des Jahrhunderts reichen. Hingegen dürften die Kohlereserven schneller schwinden, da die Nachfrage rasant anwächst und Kohle bald auch zunehmend anstelle von Erdöl und Ergas verwendet werden dürfte.

Heute werden weltweit 86 Millionen Fass Rohöl pro Tag verbraucht; in 30 Jahren werden es doppelt so viel sein. Die Hälfte der steigenden Nachfrage kommt aus Indien und China. Seit 2004 ist China mit 10 Prozent des Weltverbrauchs zweitgrößter Konsument nach den USA. Bei der Kohle haben China und Indien bereits einen Anteil von 45 Prozent an der weltweiten Nachfrage. Aber auch andere Rohstoffreserven gehen zurück. So ist mit stark ansteigenden Preisen zu rechnen.

Agrarrohstoffe dürften ebenfalls immer teurer werden, da die Weltbevölkerung bis 2050 von derzeit sechs Milliarden auf über neun Milliarden anwachsen wird, weil in Schwellenländern bei zunehmendem Wohlstand mehr qualitativ hochwertige Nahrungsmittel, mehr Milchprodukte und mehr Fleisch gekauft werden und da immer mehr Land für die Erzeugung von Biosprit genutzt werden wird. Schon bis Ende 2009 könnte der Preis für Mais um 100 Prozent steigen und der von Weizen um 80 Prozent.

Neben der zunehmenden Konkurrenz und den steigenden Rohstoffpreisen dürfte die deutsche Wirtschaft auch unter einem wachsenden Fachkräftemangel leiden - nicht nur aufgrund der Bevölkerungsentwicklung. Nach einer Umfrage des Hamburger Marktforschungsinstituts Psephos haben 59 Prozent aller Unternehmen derzeit freie Stellen, für die sie keine geeigneten Bewerber/innen finden. Bundesweit blieben 2006 nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 48.000 Ingenieurstellen unbesetzt. Ferner sinkt die Qualität der Bewerber um Ausbildungsplätze: Einer Erhebung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge verfügt ein Viertel aller Schulabgänger nicht über ausreichende Kenntnisse im Rechnen und Schreiben.

Der hochqualifizierte Nachwuchs wird auch in den kommenden Jahren fehlen: Beim OECD-Bildungsbericht von 2007 rutschte Deutschland im weltweiten Vergleich von Rang 10 auf Rang 22 ab. Nur 32 Ingenieure kommen hierzulande auf 1.000 Menschen eines typischen Abschlussjahrgangs - in vielen OECD-Ländern sind es dagegen 44. Aber nicht nur bei naturwissenschaftlich-technischen Fächern ist die deutsche Absolventenquote im OECD-Vergleich gering, sondern auch bei allen anderen akademischen Qualifikationen: Deutschland konnte wohl in den letzten zehn Jahren die Zahl der Studenten um 5 Prozent steigern - aber die 29 anderen wichtigsten Industrienationen taten dies im Schnitt um 41 Prozent. Problematisiert wurden in der OECD-Studie auch die niedrige Abiturientenquote und der hohe Anteil der Studienabbrecher in Deutschland.

In Asien wächst hingegen das Angebot an Hochschulabsolventen in allen für die Wirtschaft relevanten Fächern nahezu explosionsartig an: So verließen im Jahr 2006 rund 700.000 neu ausgebildete Ingenieure und Naturwissenschaftler die Universitäten Indiens; in China waren es 550.000. Die Zahl der Abgänger in beiden Ländern lag damit dreimal so hoch wie die Zahl der entsprechenden Abgänger in den Vereinigten Staaten. In Deutschland werden pro Jahr gerade einmal 40.000 Informatiker, Techniker und Ingenieure ausgebildet. Alle Fächer eingerechnet, erhielten 5,7 Millionen Inder und Chinesen 2005 einen Universitätsabschluss. Im Jahr 2025 wird China mehr Studenten haben als Europa und die USA zusammen - trotz abnehmender Bevölkerung. Darüber hinaus hat sich der Anteil Chinas an den weltweiten FuE-Aufwendungen auf knapp 11 Prozent (2004) erhöht.

Da intellektuelles Kapital immer wichtiger ist, werden Unternehmen in Zukunft nicht mehr nur nach den traditionellen Bilanzzahlen bewertet werden, sondern auch nach ihren Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, nach gehaltenen Patenten, Urheberrechten und Lizenzen sowie nach ihren Weiterbildungsbudgets. Da weltweit die Kapitalmärkte immer reifer werden und immer mehr Risikokapital da ist, wird es leichter sein, neue Unternehmen zu gründen. Nicht auszuschließen ist, dass manche große Konzerne wieder zerschlagen werden - zum einen von innen, um durch mehr Flexibilität Wettbewerbsvorteile zu erringen, zum anderen von außen, um Monopole und Kartelle aufzulösen.

Auf welchen Gebieten wird sich die deutsche Wirtschaft auf dem Weltmarkt behaupten können? Beispielsweise wird laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger die Umweltbranche im Jahr 2020 mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie. Im Bereich Umwelttechnik arbeiten in Deutschland schon eine Million Arbeitnehmer. Die Zahl wird parallel zu den schnell wachsenden Umsätzen steigen.

Bei Technologiegütern, beim Maschinenbau und bei chemischen Produkten - derzeit wichtige exportorientierte Industriezweige - könnte Deutschland hingegen zurückfallen, zumal hier viel weniger als in anderen Industrieländern in Forschung, Entwicklung und Humankapital investiert wird. Generell liegen derzeit sowohl die FuE-Ausgaben der deutschen Wirtschaft als auch die des Staates unter den Aufwendungen anderer Länder, nimmt der deutsche Anteil an den weltweiten wissenschaftlichen Publikationen ab, werden immer weniger Patente von den Hochschulen angemeldet.

Andere Zukunftsbranchen sind Biotechnologie, Pharmazie, Kosmetik und Nahrungsergänzung. Hier werden zunächst die Forschung und später die Produktion zulegen. In Deutschland selbst werden sich Unternehmen zunehmend auf die wachsende Konsumentengruppe der Senioren einstellen und ihre Produkte an deren Bedürfnisse anpassen. Ältere Menschen dürften in Zukunft mehr Geld für Unterhaltung, Wellness, Bildung, Reisen sowie Gesundheits-, Finanz- und Versicherungsleistungen ausgeben und voraussichtlich mehr in Hightech investieren. Allerdings sollten sich die Geräte leicht bedienen lassen. Auch die Automobilindustrie wird zunehmend Funktionen in Fahrzeuge einbauen, mit denen Ältere bequemer fahren: rückenfreundliche Sitze, Fahrerassistenzsysteme usw. Die Versicherungsbranche wird zunehmend spezielle Senioren-Policen verkaufen, die bei einem Unfall oder einem sonstigen Unterstützungsbedarf bestimmte Dienstleistungen finanzieren (z.B. Kochen, Einkäufe, Wäsche, Wohnungsreinigung). Schließlich dürfte der Pflegesektor aufgrund der zunehmenden Zahl Pflegebedürftiger wachsen, werden mehr Seniorenheime, geriatrische und gerontopsychiatrische Abteilungen in Krankenhäusern und ambulante Dienste benötigt. Mehr soziale Dienstleistungen als heute werden privat (z.B. auf Gegenseitigkeit) oder privatwirtschaftlich organisiert sein.

In der Freizeitindustrie gelten z.B. Fitnessangebote für junge Erwachsene und Singles, Kurzurlaube für kinderlose Paare, Tagesausflüge für Familien und Kulturaktivitäten für Rentner/innen als Wachstumsbereiche. Schon heute investieren die Deutschen jährlich 250 Milliarden Euro in ihre Freizeitgestaltung - zwischen 10 und 20 Prozent ihres Haushaltseinkommens. Aber auch für die individuelle Gesundheitsprävention dürfte mehr ausgegeben werden: Hier wächst z.B. die Nachfrage nach Angeboten der Nachsorge, nach fürsorgeorientierten Angeboten sowie nach Entspannungstechniken und Stress-Management. Die Ausgaben für Gesundheitsleistungen werden bis zum Jahr 2020 voraussichtlich um 74 Prozent wachsen.

Technik

Neben den schon erwähnten technischen Entwicklungen dürfte in Zukunft die Robotik eine immer größere Rolle spielen; sie könnte sich zu einer Großindustrie entwickeln. In Fabriken werden immer mehr Arbeitsgänge von Robotern übernommen werden. So werden weniger Menschen als Arbeiter tätig sein. Spätestens bis 2050 werden Roboter Menschen im Alltag unterstützen. Dann soll ein Roboterteam sogar den menschlichen Fußballweltmeister schlagen können, so die International RoboCup Federation.

Im Jahr 2025 könnte die NASA bereits den ersten humanoiden Roboter auf eine hundertjährige Mission durch den Weltraum schicken. Und schon in den kommenden Jahren bahnt sich ein regelrechter Wettflug zum Mond an. Den Anfang machte 2007 Japan mit der ersten Mondmission in der Geschichte des Landes. Ein Jahr lang soll "Selene" über dem Mond kreisen und dessen Oberfläche untersuchen. Im Jahr 2025 soll dann eine bemannte Raumstation auf dem Mond errichtet werden. China und Indien planen für 2008 eigene Missionen zum Mond. Im Jahr 2012 möchte China einen Rover zum Erdbegleiter schicken. Die russische Raumfahrt will bis 2015 den Bau des russischen Teils der Internationalen Raumstation beenden und eine wieder verwendbare Raumfähre mit einem eigenen Weltraumbahnhof entwickeln. In den folgenden zehn Jahren ist eine bemannte Plattform im Orbit vorgesehen und ab 2028 eine permanent in Betrieb befindliche Station auf dem Mond. Spätestens bis 2040 sollen Flüge zum Mars stattfinden.

Bis zum Jahr 2030 werden Millionen von PKW und LKW mit Batterien oder Brennstoffzellen ausgestattet sein; andere Fahrzeuge werden mit Biodiesel oder Ethanol fahren. Fahrerassistenzsysteme werden eine immer größere Rolle spielen; auf bestimmten Strecken wird der Straßenverkehr ferngesteuert sein. Flugzeuge werden leichter, schneller und hinsichtlich des Verbrauchs effizienter sein.

Im Bereich Energietechnik werden zum einen die Verfahren zur Nutzung erneuerbarer Energien wie Wind, Sonnenlicht, Erdwärme, Geothermie, Bioabfälle usw. weiterentwickelt werden. Aber auch die Atomenergie hat wieder Zukunft: In mehreren Ländern (z.B. China, USA, Großbritannien) werden neue AKWs geplant; die Zulieferer müssen zum Teil wieder neu gegründet werden. In Japan soll ein neuer schneller Brüter inklusive Wiederaufbereitungsanlage konventionelle Atomreaktoren bis zum Jahr 2050 ablösen. Auch Indien und China bereiten den Bau von Brutreaktoren vor. Zum anderen werden Technologien weiterentwickelt werden, die zu mehr Effizienz bei der Energienutzung führen (z.B. Energiesparlampen, Kraft-Wärme-Kopplung, Niedrigenergie-Gebäude).

Ferner dürfte in den kommenden Jahrzehnten die Nanotechnologie weiterentwickelt werden, mit deren Hilfe schon jetzt z.B. außerordentlich zugfeste, leitfähige, verformbare und leichte Materialien und winzige Elektromotoren hergestellt werden können. In Zukunft wird es eventuell kleine Roboter geben, die im Blutkreislauf mitschwimmen können, Nanoassembler, die aus einzelnen Atomen nahezu alles produzieren oder jegliche Art von "Müll" in wieder verwertbare Atome zerlegen können, Oberflächen, die so glatt sind, dass kein Schmutz auf ihnen haften kann, oder Nano-Chips, mit denen sich Computer weiter verkleinern lassen.

Die Gentechnik dürfte vor allem mit Blick auf eine effizientere Landwirtschaft, eine gesündere Ernährung und nachwachsende Rohstoffe weiterentwickelt werden. Schon jetzt werden gentechnisch veränderte Pflanzen weltweit auf einer Fläche von mehr als 100 Millionen Hektar angebaut - das ist etwa so viel wie Europa an Agrarfläche hat. Es handelt sich hier um Produkte der Generation 1, die hinsichtlich ihrer Resistenz gegenüber Insektiziden und Herbiziden manipuliert wurden. Nun geht es um die Entwicklung von der Generation 2-Pflanzen, die z.B. gegenüber der weltweit zunehmenden Trockenheit widerstandsfähiger sind oder verbesserte Inhaltsstoffe enthalten. Beispielsweise wird gerade versucht, den Stoffwechsel von Ölpflanzen mit Hilfe von aus Algen stammenden Genen zu optimieren, um Omega-3 Fettsäuren herzustellen. Und die Genkartoffel "Amflora" soll als Rohstoff für Papier-, Textil- und Klebstofffirmen dienen, die in großem Maß die Stärke Amylopektin benötigen (herkömmliche Kartoffeln enthalten daneben noch eine zweite Stärkeform, Amylose. Bei Amflora ist das Gen zur Amylose-Produktion abgeschaltet). Für 2025 rechnet man weltweit mit einem Markt für Pflanzenbiotechnologie von rund 50 Milliarden US-Dollar; derzeit sind es 2,5 Mrd.

Dem Klonen von Menschen oder der Gentherapie wird hingegen wenig Zukunft beigemessen - im Gegensatz zu genetischen Tests, "Reparaturen" an befruchteten Eizellen und künstlichen Genen. In den kommenden zwei, drei Jahrzehnten werden sich alle Organe und Gliedmaßen künstlich herstellen lassen. Krankheiten wie z.B. Krebs, Alzheimer oder Diabetes werden geheilt werden können. Die körperlichen und kognitiven Leistungen von Menschen werden verbessert werden durch Medikamente, (Neuro-) Implantate und am Körper zu befestigende Geräte, die z.B. die Muskelkraft erhöhen oder die Sinneswahrnehmung schärfen. Die Hirnforschung wird bis 2030 die meisten Geheimnisse des Gehirns entschlüsselt haben. So wird ein "Reverse Engineering" des Gehirns möglich sein. Immer mehr Computer und Roboter werden eine künstliche Intelligenz besitzen.

Arbeitswelt

Wie werden die Deutschen in Zukunft unter den neuen Rahmenbedingungen arbeiten? Auch in den nächsten 40 Jahren werden die meisten Menschen in Büros und Geschäften tätig sein; Telearbeit wird eine Randerscheinung bleiben. Der Dienstleistungssektor wird weiterhin an Bedeutung zunehmen. Die von Arbeitnehmern verlangte und von ihnen vielfach auch gewünschte Flexibilität bei den Arbeitszeiten wird in Zukunft noch größer werden. Allerdings werden eventuell immer weniger Menschen fest angestellt sein - mit Kündigungsschutz, Tarifgehalt und Extraleistungen wie Betriebsrente. So könnte laut dem Wirtschaftspublizisten Günter Ogger der Anteil der Festangestellten an allen Beschäftigten bis 2050 von jetzt 77 Prozent auf bis zu 30 Prozent sinken. Die Zukunft wird also risikoreicher sein: Immer mehr Menschen müssen Teilzeitjobs oder befristete Stellen annehmen, zeitweise selbständig werden bzw. zwischen verschiedenen Beschäftigungsformen wechseln.

Da Innovationszyklen einander immer schneller folgen - derzeit innerhalb von fünf bis sieben Jahren -, wird der Beschleunigung der Arbeit weiter zunehmen. Kenntnisse und Fertigkeiten werden immer rascher veralten: Ohne lebenslanges Lernen geht es nicht mehr; viele Menschen werden zwei oder mehr Berufe während ihres Lebens erlernen müssen.

Während der derzeitigen Übergangsphase von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft nimmt die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital ab, während Wissen immer wichtiger wird - es ist das "kulturelle Kapital" unserer Gesellschaft. Als Wissen werden in sich geordnete Aussagen über Fakten oder Ideen bezeichnet, die sich ein Mensch auf der Grundlage von Informationen, Erfahrungen usw. selbst erarbeitet hat. Informationen sind im Gegensatz zu Wissen nicht personengebunden und können mit Hilfe moderner Technologien weit verbreitet werden.

In der Wissensgesellschaft ist Wissen die prägende Kraft für das menschliche Handeln. Durch die schon jetzt mehr als 6.000 Einzeldisziplinen umfassenden Wissenschaften wird immer mehr Wissen produziert werden. Die Menschen müssen sich immer stärker spezialisieren, da sie nur noch in ganz kleinen Bereichen auf dem Laufenden sein können. Die Arbeitnehmer werden sich immer intensiver mit Informationen befassen; der Zugang zu ihnen wird durch neue Technologien weiter erleichtert werden. Aufgrund der zunehmenden Informationsüberflutung werden an vielen Arbeitsplätzen immer größere Anforderungen an das Wissensmanagement gestellt.

Niedriger qualifizierte Stellen werden seltener werden. So werden selbst für einfache Arbeiten in Zukunft sehr gute IT-Kenntnisse erforderlich sein. Beispielsweise müssen Automechaniker schon jetzt mit Computern und Elektronik umgehen können. Auch benötigen sie ein Grundvokabular in Englisch, da viele Programme in dieser Sprache abgefasst sind.

Wer in der Wissensgesellschaft den Anschluss verpasst, wird nur noch geringe berufliche Chancen haben: So wird voraussichtlich die Kluft zwischen "wissensnahen" und "wissensfernen" Gruppen immer größer werden. Menschen, die mangels verwertbarer Qualifikationen arbeitslos sind, werden es noch schwerer als heute haben, eine neue Beschäftigung zu finden. Da der Staat aufgrund der hohen Ausgaben für Senioren und Kranke nur noch sehr begrenzte Leistungen für Langzeitarbeitslose erbringen kann, wird deren Lebensstandard sehr niedrig sein. Der existentielle Druck wird noch größer als heute, das Vertrauen in die Politik noch kleiner sein. Manche wenig qualifizierte Menschen werden aber in Selbsthilfenetzwerken und in der Schattenwirtschaft ein Auskommen finden - allerdings auf niedrigem Niveau.

Die meisten Tätigkeiten werden sich nur noch in der Kooperation mit anderen erledigen lassen. Die Menschen werden vermehrt in zeitlich begrenzten Projekten arbeiten, wobei sich mit jedem Projekt auch die Zusammensetzung des Teams ändern wird. Deren Mitglieder werden immer seltener denselben Arbeitgeber haben - im jeweiligen Projekt werden Mitarbeiter von mehreren Unternehmen, Kunden und Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Nur so können noch auf effiziente Weise neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden - die Produktlebenszyklen werden sich weiter verkürzen, die Entwicklung neuer Produkte wird immer mehr Spezialkenntnisse aus verschiedenen Technologie- bzw. Wissensfelder verlangen, deren Vermarktung wird immer sorgfältiger geplant werden müssen. Zudem werden die Kosten und Risiken von mehreren Unternehmen bzw. Institutionen übernommen. Natürlich muss man auch heute schon sein Wissen mit seinen Partnern teilen. Allerdings lieferte 2007 die Projektwirtschaft nur etwa 2 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland - 2020 könnten es laut der Deutschen Bank Research schon 15 Prozent sein. Vor allem im Mittelstand wird diese Form der Zusammenarbeit sehr profitabel sein, da die relativ kleinen Unternehmen ihre Spezialisierungsvorteile und organisatorische Beweglichkeit bestmöglich nutzen können. Zudem werden in Zukunft viele Selbständige und Kleinunternehmer davon leben, Wissen über Kunden, Märkte usw. zu sammeln, das sie dann an andere Firmen bzw. an Projektgruppen verkaufen.

Die Projektarbeit wird den Arbeitnehmern zum einen mehr Flexibilität und geistige Wendigkeit abverlangen: Sie werden immer wieder an anderen Orten und mit anderen Menschen zusammen arbeiten müssen. Allerdings wird auch häufiger von Videokonferenzen Gebrauch gemacht werden - schon jetzt werden spezielle Büros mit mehreren Bildschirmen und Kameras ausgestattet, können Powerpoint-Präsentationen oder Statistiken gleichzeitig an verschiedenen Orten betrachtet und diskutiert werden. Zum anderen wird von den Arbeitnehmern immer mehr Kreativität verlangt werden - aus "made in Germany" wird "created in Germany", da die Produktion von Gütern weitgehend in anderen Ländern erfolgen wird. Hier kann sich positiv auswirken, wenn möglichst unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten - Unterschiede mit dem größten Potenzial sind jene zwischen Jung und Alt sowie solche zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturräumen. Gut gebildete Ältere werden somit noch voll in das Arbeitsleben eingebunden sein.

Staatsverschuldung und Bevölkerungsalterung

In den kommenden Jahren wird sich Deutschland weiter verschulden. Anfang 2012 betrugen die Schulden der öffentlichen Haushalte mehr als 2 Billionen Euro - knapp 25.000 Euro pro Person. Dazu kommt die sogenannte "implizite" Staatsverschuldung, die in Deutschland vor allem aus zwei Quellen stammt: nämlich den Pensionszusagen für Beamte und den erworbenen Leistungsansprüchen an die Sozialversicherungen. Aufgrund von Bevölkerungsrückgang und -alterung können diese Ansprüche in Zukunft immer weniger durch das Umlageverfahren bestritten werden; die Zuschüsse aus öffentlichen Kassen müssen also immer größer werden. Die implizite Staatsverschuldung beträgt nach Mitteilung des Bundes der Steuerzahler schätzungsweise 5 Billionen Euro. Zinslast und Schuldentilgung werden in den nächsten Jahren die politischen Spielräume immer weiter einschränken, zumal das Steueraufkommen aufgrund der sinkenden Zahl Erwerbstätiger zurückgehen dürfte.

Hier wird schon deutlich, dass Gesellschaft und Politik in den kommenden Jahrzehnten vor allem durch die demographische Entwicklung geprägt werden: Bevölkerungsabnahme und Überalterung werden zu großen Problemen führen. So leben in Deutschland derzeit 81,6 Mio. Menschen; 2050 werden es nur noch 69 bis 74 Mio. sein. Es wird immer weniger Kinder und immer mehr ältere Menschen geben - die zudem noch länger leben. So wird für 2060 eine Lebenserwartung bei Geburt von 85,0 Jahren für Jungen und 89,2 Jahren für Mädchen prognostiziert.

Die Anzahl der unter 20-Jährigen bezogen auf 100 Personen im Erwerbsalter - der so genannte Jugendquotient - beträgt heute 31,5. Er wird sich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr stark verändern und 2060 schließlich zwischen 30,4 und 30,9 liegen. Der Altenquotient für das Renteneintrittsalter von 65 Jahren - die Anzahl der 65-Jährigen und Älteren je 100 Personen von 20 bis unter 65 Jahren - liegt aktuell bei 33,7. Er wird schon in den nächsten Jahren deutlich ansteigen, 2030 bereits zwischen 51,4 und 52,8 betragen und 2060 mit einem Wert zwischen 63,1 und 67,4 fast doppelt so hoch ausfallen wie heute. Wollte man den Altenquotienten von 34, wie er für das derzeit gültige Renteneintrittsalter von 65 Jahren besteht, konstant halten, müsste die Altersgrenze im Jahr 2050 bei über 75 Jahren liegen.

Während heute also 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter für 32 Kinder und 34 Senioren aufkommen müssen, werden es 2060 nur noch 31 Kinder sein, dafür aber 63 bis 67 Senioren. Für Letztere müssen nicht nur die Renten erwirtschaftet werden, sondern auch die Kosten für medizinische Versorgung und Pflege. Alleine bis 2020 wird die Zahl der Pflegebedürftigen um 50% auf 2,7 Mio. wachsen - und bis 2050 auf 4,7 Mio.

Schon in den letzten Jahren standen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung immer wieder unter Druck - obwohl die Wirtschaft boomt und die geburtenstarken Jahrgänge noch erwerbstätig sind. In Zukunft werden die Arbeitnehmer höhere Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen und weniger Geld für den Konsum haben; die innerdeutsche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen dürfte sinken. Die Unternehmen werden die steigenden Sozialversicherungsbeiträge in die Preise hineinrechnen müssen, was den Export in außereuropäische Länder erschweren dürfte. Die zurückgehende Nachfrage, sinkende Investitionen, die mangels junger, kreativer Arbeitskräfte geringere Innovationsfähigkeit und kaum noch wachsende Produktivität könnten dazu führen, dass die Wirtschaft stagniert oder sogar schrumpft.

Irgendwann wird der Punkt kommen, wenn Steuern und Sozialabgaben als ungerecht und unzumutbar erlebt werden. Dann steht die Gesellschaft beispielsweise vor der Frage, ob noch allen Menschen eine gute medizinische Versorgung garantiert werden kann, bis zu welchem Alter bestimmte Operationen sinnvoll sind und wie lange das Leben eines Hochbetagten verlängert werden darf. Allerdings werden Menschen ab 55 Jahren schon ca. 2030 die Hälfte der Wählerschaft bilden. Auch dürften sie viele Spitzenpositionen in Wirtschaft, Kultur und Politik besetzen. Wird es dann eine "aufgeklärte Gerontokratie" geben, die von sich aus die Leistungen für Senioren zurückfährt, oder wird es zu einem Krieg zwischen den Generationen kommen?

Falls Deutschland versuchen sollte, den Rückgang an erwerbsfähigen Menschen durch verstärkte Zuwanderung zu kompensieren, könnte die Integrationsfähigkeit des Landes überfordert werden: Auf Seiten der Einheimischen könnte es zu einem Rechtsruck kommen, auf Seiten der Einwanderer zur Bildung von Subkulturen und Ghettos. Ferner ist mit Konflikten zwischen Einwanderern und Bürgern mit Migrationshintergrund zu rechnen, da sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen und stärker miteinander auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren.

Auch ohne zusätzliche Einwanderung könnte es in den kommenden Jahren zu wachsenden Spannungen zwischen Deutschen und Personen mit Migrationshintergrund kommen, deren Anteil an der Bevölkerung weiter zunehmen wird. Insbesondere wenig integrierte und sozial benachteiligte Migranten könnten sich radikalen Gruppierungen bzw. Glaubensgemeinschaften anschließen.

Außerdem wird die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich weiter zunehmen, zumal die Mittelschicht schon seit einigen Jahren immer kleiner wird. Hierzu werden die in der Rubrik "Wirtschaft" beschriebenen Entwicklungen wie z.B. der Rückgang von Normalarbeitsverhältnissen oder die schlechten Arbeitsmarktchancen "wissensferner" Erwerbspersonen beitragen. Die (Kinder-) Armut könnte weiter zunehmen, zumal der Staat aufgrund der hohen Schulden und der steigenden Ausgaben für Senioren weniger Geld als heute für die Unterstützung sozial Schwacher zur Verfügung haben wird. Aber auch die Altersarmut wird wieder zu einem Problem werden, da das Niveau der gesetzlichen Rente stark sinken wird und viele Rentner sich während ihres Erwerbslebens nicht privat abgesichert haben.

Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung wird es immer weniger Schüler geben. So müssen Schulstandorte aufgegeben (mit der Folge längerer Schulwege), Wahlmöglichkeiten reduziert (Abbau von Mehrzügigkeit) und Auszubildende in verschiedenen Berufen zu einer Klasse zusammengefasst werden. Insbesondere in bevölkerungsärmeren Regionen wird es zu einer Reduzierung des Bildungsangebots kommen. Zu befürchten ist, dass das Bildungssystem weiter an Qualität verlieren wird (z.B. zu wenig Abiturienten, zu wenig Studierende, zu viele Studienabbrecher, zu wenig hochqualifizierter Nachwuchs - insbesondere in Natur- und Ingenieurwissenschaften).

Ein positiveres Szenario wäre, dass in Deutschland die Wirtschaft boomt, weil altersgemischte Produktionsteams, in denen junge innovative Hochschulabsolventen mit erfahrenen Managern zusammenarbeiten, sich zu einem Erfolgsrezept entwickelt haben. Die Einwanderung von jungen Menschen aus außereuropäischen Ländern könnte dank wechselseitiger Bereicherung zu mehr Kreativität und Innovation in Wirtschaft, Technik und Kultur führen.

Lebensalltag

Die Wohnungen werden "intelligenter" werden; Heizung, Klimaanlage und viele andere Geräte werden vom Computer gesteuert werden. Das Internet wird noch intensiver genutzt werden: Schon in den nächsten Jahren wird der Fernseher dank Settop-Gerät zu einem Multimediagerät werden; die Programme können dann auch zeitversetzt gesetzt werden. Dank Breitbandanschluss, Highspeed-Netz VDSL und FTTH-Technik (Glasfaser bis nach Hause) können immer größere Datenmengen immer schneller übertragen werden. Das Angebot an Videos und komplexen Computerspielen wird weiter wachsen; immer mehr Orte und Institutionen können via Internet aufgesucht werden. Bereits jetzt besucht mehr als die Hälfte der Menschen eher virtuelle als physische Museen. Auch das soziale Leben wird zunehmend durch das Internet bestimmt. Es wird weniger persönliche Kontakte vor Ort und mehr virtuelle geben. Weitere Nutzungsmöglichkeiten des Internets werden Telearbeit und E-Learning sein - z.B. Videokonferenzen an der Universität.

Die Menschen werden mehr Lebensmittel mit gesundheitsfördernden Bestandteilen essen - Curry mit Power-Algen, Hamburger mit mikroverkapselten Vitaminen, Tomatensalat mit Krebsprophylaxe. Sie werden weiterhin in Supermärkten einkaufen, allerdings immer öfters bargeldlos - und dank RFID (Radio Frequency Identification) ohne Personal an den Kassen. Die Kleidung wird immer häufiger aus neuartigen Materialien sein, die besonders leicht, feuchtigkeitsabweisend, atmungsaktiv oder schmutzresistent sind. Als Kunden werden die Menschen immer souveräner agieren, da sie über interaktive Foren vernetzt sowie über Preise und Qualität der sie interessierenden Produkte und Dienstleistungen gut informiert sind.

Hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung wird das Individuum eher noch größere Freiräume als heute haben; tradierte Lebensformen und Kulturkreise oder in der Jugend übernommene Denk- und Orientierungsmuster werden schnell veralten. So werden Menschen vermehrt durch eigene Anstrengung eigene soziale Strukturen aufbauen bzw. individuelle Wertvorstellungen und Denkweisen entwickeln müssen. Dies kann durchaus auch zu Ängsten und Orientierungslosigkeit führen. Manche Menschen werden sich vermutlich Sekten oder radikalen Gruppierungen anschließen.

In Zukunft benötigte Kompetenzen

Je rasanter jedoch der technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel wird, umso wichtiger ist die Vorbereitung auf die Zukunft. Aber Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, inwieweit Ihre erzieherische und bildende Tätigkeit Kinder "zukunftsfähig" macht? Welche Kenntnisse und Kompetenzen sollten die Ihnen anvertrauten Kinder erwerben?

Zukunftsfähigkeit: benötigte Kompetenzen und Kenntnisse
Instrumentelle Kompetenzen

Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen usw.)

Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen, Logik, Problemlösefähigkeit, geistige Wendigkeit und Flexibilität

lerntechnische/lernmethodische Kompetenz: das Lernen lernen; Fähigkeit zum sinnvollen Umgang mit Informationen

Technikverständnis, IT-Kenntnisse, Beherrschung von Programmen

Fremdsprachenkompetenz

Kreativität, Kreativtechniken, Medienkompetenz

Handlungskompetenz, motorische Fertigkeiten, Körperbeherrschung

Personale Kompetenzen

Persönlichkeitseigenschaften: Selbstbewusstsein, positives Selbstbild, Mut, Optimismus, Durchhaltevermögen, Belastbarkeit usw.

Selbstmanagement, positiver Umgang mit Gefühlen, Selbstdisziplin

Resilienz, Fähigkeit zur Bewältigung von Transitionen

Einstellungen: Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, Neugier, Offenheit; kritische Haltung; Interesse an Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft; Freude am Forschen, Experimentieren und Ausprobieren; Leistungsbereitschaft usw.

Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein, positive Lebenseinstellung

Werte: ethische/religiöse Verortung, Moralvorstellungen, Verantwortungsbereitschaft

Lernen, sich zu bescheiden, sich von Werbung und "Konsumterror" zu distanzieren; Bereitschaft zum Verzicht

Soziale Kompetenzen

Kommunikative Kompetenzen: sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Selbstdarstellung, Empathie, Zuhören-Können, Moderation

soziale Fertigkeiten: Kompetenz im Umgang mit Partner, Kindern und Freunden; Teamfähigkeit; Konfliktlösungsfertigkeiten; Kompetenz im Umgang mit unterschiedlich alten Menschen

prosoziales Verhalten, Toleranz, Rücksicht, Solidarität, Verständnis für alte und behinderte Menschen

interkulturelle Kompetenz

Inhaltliches Basiswissen

Allgemeinwissen: Naturwissenschaften, Technik, Mathematik, Wirtschaft, Literatur, Kunst, Musik, Architektur, Geschichte, Geographie, Soziologie, Politik, Pädagogik, Psychologie, Recht, Philosophie, Religion, Medizin usw.

Wissen über aktuelle Probleme: Klimawandel, Umweltschutz, Bevölkerungsentwicklung, Globalisierung, europäische Integration u.a.

Spezifische Fachkompetenzen

berufliches Fachwissen

berufliches Können

Es ist wahrlich ein sehr anspruchsvolles Unterfangen, wenn wir Kindern und Jugendlichen derartige Kompetenzen und Kenntnisse vermitteln wollen! Egal, ob wir Eltern, Erzieher/innen oder Lehrer/innen sind - wir können für uns alleine dieses Ziel nicht erreichen. Nur gemeinsam können wir Kinder und Jugendliche zukunftsfähig machen: Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen müssen in der Form einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zusammenarbeiten! Es wird zu Synergien kommen, wenn Kindertageseinrichtung und Schule familienergänzend wirken und die Familie kindergarten- und schulergänzend wirkt. Gemeinsam ist man stärker!

Wie eine solche Kooperation aussehen kann, habe ich bereits in mehreren Büchern, in vielen Fachartikeln und auf Websites beschrieben (siehe http://www.ipzf.de). Deshalb möchte ich auf die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft nicht weiter eingehen, sondern stattdessen getrennt für Familie, Kindertageseinrichtung und Schule beschreiben, wie dort Kinder zukunftsfähig gemacht werden können.

Konsequenzen für die Familienerziehung

Eltern sind die "Architekten der Familie" (Satir). Ihre Persönlichkeit, ihre Beziehung und ihr Verhalten sind für ihre Kinder vorbildlich und prägen deren Entwicklung. So wirkt sich Folgendes positiv aus:

  • Sind Eltern psychisch gesund, können Säuglinge und Kleinkinder leichter Bindungen zu ihnen eingehen. Sie werden sich bei ihnen sicher und geborgen fühlen. Später wird der fortwährende Wechsel zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Streben nach Abgrenzung von diesen Eltern akzeptiert werden.
  • Psychisch gesunde Eltern sind gute Vorbilder: Die Kinder lernen von ihnen rationales Denken, den Umgang mit Gefühlen, Problemen und Konflikten sowie ein positives kommunikatives Verhalten.
  • Ist die Paarbeziehung gut, finden Kinder Sicherheit und Geborgenheit in ihrer Familie. Sie werden nicht in Konflikte einbezogen, leiden nicht unter fortwährenden Spannungen, müssen keine Angst vor Trennung und Scheidung haben. Sie können das für das aktive Erforschen ihrer Umwelt notwendige Vertrauen entwickeln.
  • Eine gute, dialoghafte Paarbeziehung dient Kindern als Modell für die Gestaltung eigener Beziehungen. Sie erkennen den Zusammenhang zwischen Beziehungsarbeit und Selbsterziehung.
  • Akzeptieren Eltern die Individualität und Einzigartigkeit ihres Partners, so werden sie dieselbe Haltung gegenüber ihren Kindern einnehmen. Diese können sich somit frei entfalten und sich selbst verwirklichen.

Deutlich wird, wie groß die erzieherische Wirkung des Vorbilds der Eltern und ihrer Beziehung ist, dass der Qualität des Zusammenlebens und dem Familienklima eine große Bedeutung zukommt. Das bedeutet, Eltern sollten nicht zuerst an das Kind, sondern an sich selbst und ihre Paarbeziehung denken. Dieser Grundsatz wird heute weitgehend missachtet...

Ferner benötigt ein Kind eindeutige Grenzen. Es muss lernen, auf die Absichten, Wünsche und Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder Rücksicht zu nehmen. Diese sollten deshalb nicht verheimlicht werden. Auch muss das Kind erkennen, dass Geld und Zeit knapp sind, sodass es mit Konsumangeboten, Medien und Freizeitmöglichkeiten richtig umzugehen lernt. Schließlich sollten die Eltern ihm immer mehr Aufgaben im Haushalt, für die Pflege seines Zimmers usw. übertragen, da dieses zu seiner Eigenständigkeit beiträgt, zu Verantwortungsbereitschaft führt und die Entfaltung seiner Fähigkeiten fördert.

Insbesondere sollten sich die Väter intensiver an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen. Dies hat viele positive Auswirkungen: So wurde z.B. bei Kindern aktiver Väter mehr Einfühlsamkeit, eine geringere Geschlechtsrollenfixiertheit, eine höhere soziale Kompetenz und eine größere Stressresistenz festgestellt. Für Jungen sind Väter vor allem als männliches Rollenmodell wichtig. Hier wirkt sich positiv aus, wenn Väter und Söhne viel gemeinsam unternehmen, also beispielsweise miteinander Fußball spielen, herumtoben, basteln und werken, im Wald "herumstrolchen" oder gemeinsam zelten. Ausflüge zu Abenteuerspielplätzen oder Aktivitäten in der freien Natur ermöglichen das Erlernen von Körperbeherrschung und leisten auf diese Weise einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung von Selbstvertrauen. Die Jungen können ihre Kräfte einsetzen und sich körperlich bewähren.

Insbesondere durch Aktivitäten in Wald und Flur kann auch der Naturentfremdung begegnet werden, können Kinder alle ihre Sinne einsetzen. Gemeinsam werden Pflanzen betrachtet, Tiere beobachtet, jahreszeitliche Veränderungen registriert und Naturmaterialien spielerisch verwendet. Hierdurch - aber auch durch das gemeinsame Experimentieren, das Herstellen von Spielsachen, das Kochen, die Gartenarbeit usw. - werden zugleich die Selbsttätigkeit und Kreativität der Kinder gefördert. Entdeckendes Lernen, Handlungsorientierung und Erfahrungslernen werden wieder Teil der Kindheit.

Kinder, die häufig solche Aktivitäten machen, die mit der Zeit Hobbys entwickeln oder die in Vereinen aktiv werden, dürften auch wenig Zeit vor dem Fernseher oder im Internet verbringen. Ansonsten sollten Eltern ihren Kindern möglichst früh den richtigen Umgang mit Medien nahe bringen. Keinesfalls sollten sie Kleinkinder durch das Anschalten des Fernsehers "ruhigstellen". Jedoch können ausgewählte Computerspiele Kindern helfen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben. So können Kinder das Funktionieren einer Stadt (z.B. Sim City), die Entstehung von Zivilisationen (z.B. Civilization), den Aufbau eines Zoos u.v.a.m. kennen lernen. Noch eine Randbemerkung: Inzwischen wurde nachgewiesen, dass Jugendliche auch in nicht pädagogischen Computerspielen (z.B. World of Warcraft) Managements- und Führungsfähigkeiten entwickelt können, wenn sie dort z.B. die Leitung einer Gruppe oder die Planung und Vorbereitung einer Aktion übernehmen...

Bedenkt man die große Bildungsmacht von Familien, so sollten Eltern auch danach trachten, in ihren Familien folgende bildungsrelevante Merkmale auszubilden:

  • eine qualitativ gute Kommunikation zwischen Eltern und Kindern (also auch bezogen auf Wortschatz, Begriffsverständnis, Komplexität von Sätzen usw.),
  • Unterstützung des (Klein-) Kindes bei der Erkundung der Welt und bei der Aufnahme sozialer Beziehungen, insbesondere zu Menschen anderen Alters, zu Senioren und Behinderten,
  • (Tisch-) Gespräche über Erfahrungen am Arbeitsplatz, über politische Ereignisse und Kontakte mit Institutionen, sodass Kinder die Erwachsenenwelt kennen lernen,
  • bildende Aktivitäten in der Familie, z.B. Beschäftigung mit Lernspielen, Vorlesen, Experimentieren, Gespräche über Fernsehfilme, Bücher, naturwissenschaftliche Themen und aktuelle (politische) Fragen,
  • eine positive Einstellung zu Lernen und Leistung, zu Kindertageseinrichtung, Schule und Berufsausbildung bzw. Studium,
  • positive Interaktionen über das, was in der Schule und im Unterricht passiert, Unterstützung bei den Hausaufgaben, ein hohes Anspruchsniveau hinsichtlich Schulleistung und -abschluss,
  • ein enger Kontakt zwischen Eltern und Erzieher/innen bzw. Lehrer/innen, damit erstere wissen, wie sie außerfamiliale Bildungs- und Erziehungsbemühungen zu Hause unterstützen können.

Hier wird erneut die große Bedeutung der Umweltgestaltung durch die Eltern und der von ihnen geschaffenen Lebensordnung deutlich. Eltern erziehen und bilden durch die von ihnen gelebten Werte, ihre Weltanschauung, ihre Interessen, ihre Einstellungen, ihre Gespräche über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur etc. Positiv wirkt sich vor allem ein dialoghaftes Eltern-Kind-Verhältnis aus, in dem es eine große Kommunikationsdichte gibt. Ferner erziehen und bilden Eltern dadurch, mit welchen Menschen sie ihre Kinder in Kontakt bringen, welche Aktivitäten sie mit ihnen durchführen oder fördern, welche Fernsehprogramme und Bücher sie für sie auswählen. Jedoch sollten Kindern nicht durch zu viele Aktivitäten und Angebote - z.B. von Einrichtungen wie Ballett- oder Musikschulen - überfordert werden. Zudem sollten sie lernen, wie sie mit Hilfe von Mandalas, Yogaübungen oder Spielen (z.B. Memory) zur Ruhe kommen können. Kinder benötigen Freiräume, sodass sie sich oft unbeobachtet und selbstbestimmt erleben können.

Konsequenzen für Kindertageseinrichtungen

Eine zukunftsorientierte Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen zu verwirklichen, ist leichter als vermutet. Zum einen können Erzieher/innen Kindern die Möglichkeit eröffnen, soviel wie möglich selbstständig oder in Kleingruppen zu lernen: Kinder sollten "Entdeckungsreisende" sein können, die aus eigener Initiative, aus Neugier und Forschergeist heraus sich selbst neue Kenntnisse und Fertigkeiten erschließen. Zum anderen können Erzieher/innen ihre eigene Rolle neu definieren: als "Begleiterinnen" der Kinder bei diesem "Abenteuer". Sie können z.B. Anreize für Entdeckungen geben, indem sie

  • die "Umwelt" in der Kindertageseinrichtungen um neue Objekte bereichern ("vorbereitete Umgebung"),
  • zu bestimmten Aktivitäten (z.B. Experimente, Zerlegen von Geräten, Anlegen von Sammlungen) motivieren,
  • die Kinder mit unbekannten Situationen konfrontieren (durch Exkursionen in die Natur, zu Unternehmen, Handwerksbetrieben und kulturellen Einrichtungen etc.) oder
  • fremde Erwachsene ("Spezialisten" für ...) in die Tagesstätte einladen.

Ferner unterstützen Erzieher/innen die Kinder auf dem Weg des selbstständigen Erfahrungslernens, indem sie z.B. Lernteams organisieren, den Austausch zwischen Kindern fördern, benötigte Materialien bereitstellen oder gewünschte Informationen geben. Die Kinder lernen, wo Informationen zu finden sind, wie man sie kritisch beurteilt, wie man benötigte Daten auswählt und wie man sie verarbeitet. Besonders wichtig ist, dass die "Entdeckungsreisenden" alle Sinne einsetzen ("Sinnesschulung"), ihre Lebenswelt mit dem ganzen Körper und seinen Gliedern erleben sowie viele Primärerfahrungen in Echtsituationen machen können.

Da es in Kindertageseinrichtungen nicht darauf ankommt, wie in der Schule ein bestimmtes Wissen (z.B. nach einem Lehrplan) zu vermitteln, bietet sich das exemplarische Lernen an. Hierzu ist Projektarbeit besonders gut geeignet, weil ganz unterschiedliche Methoden und Aktivitäten eingesetzt werden können, die zusammengenommen zu einer ganzheitlichen Förderung des Kindes in allen Entwicklungsbereichen führen. Da bei Projekten Kinder kooperieren, miteinander reden und unterschiedliche Positionen ausdiskutieren müssen, werden Teamfähigkeit, kommunikative Kompetenzen und Kompromissbereitschaft gefördert. Schließlich ist es wichtig, dass im Rahmen von Projekten auch Themen aus den Bereichen Naturwissenschaften, Technik und Umweltbildung behandelt werden.

Kindertageseinrichtungen dürfen sich einerseits dem Computer und den neuen Medien gegenüber nicht verschließen und müssen den Kindern Medienkompetenz vermitteln. Andererseits müssen sie aber auch der Gefahr von wachsenden Primärerfahrungsdefiziten aufgrund der Mediatisierung unserer Gesellschaft begegnen. Im Elementarbereich sind noch am ehesten ganzheitliches Lernen, physische Lebenswelterfahrung, Sinnesschulung und Selbsterfahrung möglich.

Werden Kinder als "Entdeckungsreisende" wahrgenommen, dürfte es nicht schwer fallen, die pädagogische Arbeit an ihren Interessen zu orientieren. Kinder sollten bei der Benennung von (Projekt-) Themen und der Auswahl von Aktivitäten mitbestimmen können. Das erhöht die Motivation, selbstbestimmt, selbsttätig und selbstverantwortlich zu lernen. Wenn Kinder im Team arbeiten, unterschiedliche Meinungen ausdiskutieren, "Experten" interviewen usw., ist es auch nur selten notwendig, sie auf (Denk-) Fehler hinzuweisen - was sie oftmals entmutigen und demotivieren würde. In der Regel werden sie selbst Fehler entdecken und beheben, was nicht nur einen zusätzlichen Lernerfolg bedeutet, sondern auch die Selbst- und Fremdwahrnehmung, die kommunikativen Fertigkeiten und die Problemlösefähigkeit fördert. Die positive Selbsterfahrung im Hinblick auf das Ergründen, Hinterfragen und Gestalten von Neuem erhöht zugleich Neugier, Lernbereitschaft und Leistungsfähigkeit.

Eine große Rolle sollte weiterhin die Kreativitätsförderung spielen: Basteln, Malen und Werken, Musizieren und Tanzen, Brauchtum und Festgestaltung. Der Keim für spätere Hobbys kann schon im Kindergarten gelegt werden - Hobbys, die auch Schutz vor dem kostspieligen "Freizeitkonsumrausch" bieten. Spiel und Spaß, kreative Betätigung und Entspannung, Feste und Feiern dürfen nicht zu kurz kommen.

Kindertageseinrichtungen sollten großen Wert auf die Sozialerziehung legen, auf die Entwicklung kommunikativer Fertigkeiten und auf die Fähigkeit, interpersonale Konflikte für alle Seiten befriedigend zu lösen. Die Kinder müssen außerdem lernen, normale Übergänge wie die vom Kindergarten in die Schule sowie individuellere Transitionen wie z.B. die Trennung ihrer Eltern oder die Entstehung einer Stieffamilie zu bewältigen. Hierbei können Kindertageseinrichtungen helfen - auch indem sie die Entwicklung von Resilienz (d.h. Belastbarkeit, Widerstandsfähigkeit gegenüber negativen Erfahrungen) fördern. Das Selbstwertgefühl von Kindern - insbesondere von solchen aus unteren sozialen Schichten und aus Randgruppen - sollte sich unabhängig von ihrer materiellen Lage entwickeln können.

Da die meisten Familien heute getrennt von alten Menschen leben, kommt es in Kindertageseinrichtungen darauf an, Kindern den Kontakt zu Senioren zu ermöglichen. Jede Seite kann dann Verständnis für die Lebenssituation und die Bedürfnisse der anderen Seite entwickeln und lernen, mit ihr zu kommunizieren. Auf diese Weise können Kindertagesstätten einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Generationen leisten.

Kindertageseinrichtungen können einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen lernen, einander zu achten, verschiedene Religionen, Werte und Verhaltensmuster zu tolerieren und miteinander auszukommen. Ferner benötigen ausländische Kinder viel Sprachförderung, da sie nur dann gute Chancen in Schule und Beruf haben, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen.

Durch religiöse bzw. ethisch geprägte Erziehung können Kindertageseinrichtungen dazu beitragen, dass sich Kinder Werte und Moralvorstellungen aneignen und für sich selbst einen Lebenssinn finden. Auch kann die Grundlage für ein späteres soziales Engagement gelegt werden: die Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen.

In einer immer hektischer werdenden Gesellschaft ist es außerdem wichtig, dass Kinder lernen, zur Ruhe zu kommen und sich zu entspannen - z.B. mit Hilfe von Meditation, Entspannungsübungen oder Legen von Mandalas. Eine besondere Bedeutung kommt hier ferner der Bewegungserziehung zu (Sport). Ferner muss genügend Zeit für zweckfreies Spielen bleiben.

Schließlich bleibt es wichtig, dass sich Erzieher/innen viel Zeit für das einzelne Kind nehmen. Gerade in der heutigen Zeit fehlen Kindern Gesprächspartner, denen sie ihre Gedanken und Gefühle anvertrauen können und die wirklich zuhören. Auch müssen die aktuellen Bedürfnisse der Kinder beachtet werden - nach Liebe und Zuwendung, Sicherheit und Geborgenheit, Kontinuität und Verlässlichkeit. Für Kinder sollten Kindertageseinrichtungen ein Umfeld sein, in dem sie sich zufrieden und glücklich fühlen.

Erziehung und Bildung für die Zukunft bedeuten somit nicht, dass auf Kindorientierung verzichtet wird - und natürlich müssen Kindertageseinrichtungen weiterhin familien-, lebenswelt- und gegenwartsorientiert sein. Das wichtigste Ziel der pädagogischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen sollte somit sein, dass Kinder

  • in Traditionen, in Werten und im eigenen Charakter verwurzelt sind,
  • sich in der Gegenwart "lustvoll" selbst bilden, mit anderen zusammen viele Entdeckungen machen und sich wohl fühlen sowie
  • für die Zukunft kompetent werden.

Aber wie schon mehrfach betont: Es muss mehr als bisher an die Zukunft gedacht werden: Die Welt wird immer komplexer, schwieriger und stressiger werden, und unsere Kinder müssen dafür gewappnet sein.

Konsequenzen für die Schule

Aufgrund der skizzierten Zukunftstendenzen stehen Schulen weltweit vor grundlegenden Veränderungen. Bildungsinhalte, Lernformen, die Rolle der Lehrer, die Bewertung von Kenntnissen und Kompetenzen sowie der institutionelle Rahmen werden sich in den nächsten Jahrzehnten grundlegend wandeln. Die Bedeutung des Erwerbs von Faktenwissen wird erheblich abnehmen zugunsten der lernmethodischen Fähigkeit, relevante Informationen finden, bewerten und kreativ nutzen zu können. Nur so wird die Grundlage für lebenslanges Lernen in der Wissensgesellschaft gelegt. Es ist ein kompetenzbasiertes Bildungskonzept vonnöten, das auf Grundkompetenzen fokussiert, die im Verlauf des Lebens weiter ausgebaut werden können. Die Bildungsinstitutionen der Zukunft müssen sich somit viel stärker den personalen und sozialen Fähigkeiten des Einzelnen widmen. Dieser muss in die Lage versetzt werden, sich in komplexen Systemen orientieren und am öffentlichen Leben aktiv teilhaben zu können.

Dem Lernenden wird im Lernprozess und auch bei der Erstellung von Inhalten eine viel aktivere und eigenverantwortlichere Rolle zukommen. Er wird immer mehr zu einem eigeninitiativen "Entdeckungsreisenden", der sich im Team mit anderen neues Wissensterrain erschließt.

Dementsprechend werden Lehrer/innen zu Managern von Lernprozessen, Lerncoaches und Tutoren, die Schüler auf deren individuellem Bildungsweg partnerschaftlich begleiten, ihnen benötigte Informationen geben, Anregungen bieten und sie bei Bedarf unterstützen. Sie werden zu Moderatoren von Lernprozessen in Gruppen, organisieren also Lernteams und fördern den Austausch zwischen den Teilnehmer/innen.

Hinsichtlich der Lernformen muss die klassische frontale Unterweisungssituation an Bedeutung verlieren - zugunsten der Gruppen-, Partner- oder Einzelarbeit anhand von Lern-, Forschungs- und Arbeitsaufträgen. In der Kooperation mit anderen Schülern lassen sich Informationen am leichtesten sammeln und in "sozialen Korrekturschleifen" kritisch überprüfen. Lernen muss zu einem selbst gesteuerten, entdeckenden, "lustvollen" und sozial eingebetteten Prozess werden, der ein tiefes Eintauchen in die jeweilige Thematik und eine aktive "Wissenskonstruktion" der Lernenden beinhaltet. Die Aufgabe der Lehrer/innen ist es dann, die Ergebnisse aus diesen Lernarrangements "einzufangen" und so zu strukturieren, dass auf ihnen aufgebaut werden kann.

Anstelle schriftlicher Leistungsüberprüfungen sollten mit zunehmendem Alter der Schüler immer häufiger (Team-) Präsentationen oder in Portfolios gesammelte individuelle Arbeitsergebnisse als Benotungsgrundlage verwendet werden. Beispielsweise können die Resultate der Kleingruppenarbeit schriftlich, mündlich oder multimedial präsentiert werden, wobei die Redaktionsarbeit zusätzliche Lernmöglichkeiten eröffnet. Solche Bewertungssysteme sind nicht nur der Erwachsenenwelt näher, sondern lassen den Jugendlichen auch mehr Gestaltungsfreiheit und ermöglichen den Ausdruck von Individualität. Zudem sind sie weniger defizitorientiert.

Wichtig ist, dass in der Schule mehr IT-Kenntnisse vermittelt werden und vor allem die Nutzung des Internets als Informationsquelle gelehrt wird. Kinder sollten möglichst früh lernen, welche Recherchestrategien sinnvoll sind, wie die gefundenen Datenmengen schnell gesichtet und hinsichtlich ihrer Relevanz und Verlässlichkeit beurteilt werden können und wie sie abgespeichert und verwendet werden können. Ferner sollten Schüler selbst Webinhalte kreieren, eventuell multimedial aufbereiten und in relevante Websites einstellen. Ideal wäre es, wenn jeder Schüler - z.B. ab 12 Jahren - einen eigenen Laptop erhalten würde - oder zumindest einmal pro Woche Unterricht in einem mit Computern ausgestatteten Raum erhalten würde. Alle Kinder sollten frühzeitig in der Schule Maschineschreiben lernen.

Ferner sollten Kinder das Lernen lernen, also Lernkompetenz entwickeln. Lernprozesse - und nicht mehr Lernprodukte - werden zum Gegenstand des Unterricht. Die Schüler/innen befassen sich damit, wie sie Kenntnisse aufbauen, neue Informationen in ihr Wissen integrieren, Probleme lösen und den Lernerfolg selbst kontrollieren. Zugleich sollten sie eine forschende Grundhaltung entwickeln, die auf Neugier, intrinsischer Motivation und ausgeprägten Interessen beruht.

Während die Bedeutung der Naturwissenschaften erkannt und in vielen Ländern der Unterricht in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik intensiviert wurde, fehlen die Ingenieurwissenschaften in den Lehrplänen. Neben dem theoretischen Unterricht sollten Kinder auch möglichst früh lernen, mit Werkstoffen wie Holz, Kunststoff, Metall oder Keramik praktisch umzugehen - sie könnten dabei z.B. nützliche Gegenstände, Geschenke oder Schmuck herstellen. Ältere Schüler könnten technische Geräte auseinandernehmen, deren Bestandteile und ihr Zusammenwirken kennen lernen. Ferner könnten sie selbst kleine Fahrzeuge, Flugzeuge, Maschinen, Solaranlagen oder Roboter bauen. Dieser große Praxisbezug dürfte das Interesse an den Ingenieurwissenschaften intensivieren. Zugleich lernen die Schüler, naturwissenschaftliche Kenntnisse anzuwenden.

Eine größere Rolle sollte auch der Volks- und Betriebswirtschaft zukommen. An allen Schulen sollte dieses Fach über möglichst viele Jahrgangsstufen hinweg unterrichtet werden. Dabei können den Schülern viele Kenntnisse und Fertigkeiten mit Hilfe spezieller Computerspiele vermittelt werden. Beispielsweise gibt es bereits "serious games", in denen Wirtschaftsunternehmen simuliert werden. Schüler lernen das Funktionieren eines Betriebs kennen, indem sie die in Unternehmen üblichen Rollen übernehmen.

Aber auch internet-basierte Spiele könnten in der Schule genutzt werden: In virtuellen Welten (z.B. Second Life) können Schüler ihre Umwelt selbst kreieren, also z.B. Landschaftsformen, Klimazonen oder Gebäude aus verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte bzw. aus gegenwärtigen Kulturräumen nachbilden. Das setzt einerseits voraus, dass sich die Schüler das notwendige Fachwissen aus Bereichen wie Geographie, Architektur, Geschichte und Biologie selbst aneignen, und andererseits, dass sie den Umgang mit den benötigten Werkzeugen erlernen. Hier wird nicht nur Fachwissen miteinander verknüpft, das traditionell in unterschiedlichen Schulfächern unterrichtet wird, sondern es wird auch praktisch angewendet - was nicht nur die Relevanz dieser Kenntnisse für den Schüler zeigt, sondern auch den Lernerfolg verstärken dürfte.

Da das Leben in unserer Gesellschaft stark durch Gesetze und Verordnungen geprägt ist, sollten an Schulen vermehrt juristische Kenntnisse vermittelt werden. Auch aktuelle politische (Grundsatz-) Fragen und gesellschaftliche Probleme sollten im Unterricht aufgegriffen und von den Schülern diskutiert werden. Soziologisches und psychologisches Wissen wird ebenfalls immer wichtiger und sollte deshalb in der Schule vermittelt werden.

Das Lernen kann auch zeitweise aus dem Unterrichtsräumen hinaus verlagert werden: Fallstudien in Kooperation mit Betrieben, Wartung von Schulcomputern und Netzwerken, Projekte, Naturerkundungen, Besichtigungen, Mitarbeit in Ateliers oder Redaktionen etc. führen Schüler an die Arbeitswelt heran und lassen sie Kenntnisse und Fertigkeiten in realeren Situationen erwerben. Schulen und Betriebe bzw. andere Institutionen müssen stärker miteinander vernetzt werden, um Lernenden größere Erfahrungsräume zu eröffnen. Kreative und damit einzigartige (Team-) Präsentationen oder in Portfolios gesammelte individuelle Arbeitsergebnisse bilden eine andersartige Benotungsgrundlage als schriftliche Leistungsüberprüfungen; sie sind der Erwachsenenwelt näher.

Zudem muss die Kreativität der Kinder mehr gefördert werden. Brainstorming, Gedankenblitze und konstruktives Denken sind hier die Schlagworte. Schüler benötigen eine "Kommunikationsmaschine" wie den Computer mit Internetanschluss oder ein webfähiges Handy, die sie bei der Ideenfindung, bei der Umsetzung der eigenen Ideen und beim Aufnehmen wichtiger Wissensmuster unterstützt. Sie gebrauchen Freiräume, um künstlerisch und kulturschaffend tätig werden zu können - auch in digitalen Umwelten. Ältere Schüler sollten oft die Möglichkeit zu Multimediadarstellungen haben.

Lerngruppen können sich auch im virtuellen Raum zusammenfinden - z.B. Schüler aus verschiedenen Ländern, die gemeinsam bestimmte Themen bearbeiten. In diesem Zusammenhang soll auf die Bedeutung von Fremdsprachenkenntnissen verwiesen werden, die in unserer globalisierten Welt immer wichtiger werden. Zu überprüfen ist hier, ob an unseren Schulen wirklich die wichtigsten Sprachen unterrichtet werden. Beispielsweise wird Chinesisch derzeit von 1.140 Millionen Menschen gesprochen, Englisch als zweithäufigste Sprache aber nur von 337 Millionen. Englisch spielt allerdings als Zweitsprache eine größere Rolle: 235 Millionen Menschen haben Englisch gelernt, aber nur 71 Millionen Chinesisch. Englisch gilt als Sprache für die Berufswelt und das Internet, verliert im letztgenannten Bereich aber an Bedeutung: 1991 waren 100 Prozent der Texte im Internet in Englisch, 2005 noch 50 Prozent und 2007 nur noch 30 Prozent (14 Prozent in Chinesisch). Andere Weltsprachen mit Zukunft sind Hindi und Arabisch; sie könnten bis 2050 das Englische als Muttersprache überholt haben. Auch die Bedeutung des Spanischen wird zunehmen; in den USA werden bis zum Jahr 2050 Menschen lateinamerikanischer Herkunft, Schwarze und andere Gruppen mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Französisch oder gar Latein und Griechisch werden hingegen an Bedeutung verlieren.

Neben den bereits genannten gibt es noch viele andere Bildungsbereiche, die in der Schule beachtet werden sollten. Dazu gehören z.B. religiöse, ethische und Gewissenserziehung sowie die ästhetische, kulturelle, Musik- und Kunsterziehung. Ferner sollte die motorische und gesundheitliche Entwicklung gefördert werden - zu viele Schüler sind untrainiert, ungeschickt und zu dick. Auch müssen Kinder auf das Leben in einer Freizeitgesellschaft vorbereitet werden, in der sie viele Chancen zur Selbstverwirklichung haben. Sie sollten lernen, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten, und möglichst frühzeitig Hobbys entwickeln.

Da in den kommenden Jahrzehnten der Anteil von Senioren an der Bevölkerung immer mehr ansteigen wird, ist ferner großer Wert darauf zu legen, dass junge Menschen Verständnis für die Lebenslagen und Bedürfnisse der alten haben und mit ihnen gut kommunizieren können. Dann kann der von manchen Fachleuten erwartete Generationenkrieg vermieden werden, da die jüngeren Menschen unter diesen Umständen eher bereit sein werden, auf einen in Zukunft noch zunehmenden Anteil ihres Einkommens zugunsten der Senioren zu verzichten. Aber auch für Behinderte ("integrative Erziehung") und für die unschuldigen "Verlierer" in der Wissensgesellschaft (die weniger begabten, weniger qualifizierten Menschen) muss Verständnis entwickelt werden - und ebenfalls für sie müssen in der Zukunft Berufs- und Lebenschancen da sein. Die Wissensgesellschaft kann es sich nicht leisten, die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Gruppen zu vernachlässigen. Es darf z.B. nicht mehr passieren, dass junge Menschen die Schule verlassen, ohne die Kulturtechniken zu beherrschen!

Bei aller Zukunftsorientierung von Bildungsbemühungen darf aber nicht das Recht des Kindes auf Gegenwart ignoriert werden. Sie benötigen Freiräume, in denen sie ihr Leben leben können - frei von Leistungsdruck. Auch darf man Bildung nicht immer nur unter dem Aspekt "Leistungsfähigkeit für Wirtschaft und Gesellschaft" sehen, sondern muss sie auch unter dem Aspekt "Selbstzweck" betrachten: Bildung soll zugleich zur Entfaltung des inneren Menschseins und der eigenen Individualität führen. Die aktuellen Bedürfnisse von Schülern sind zu berücksichtigen - inklusive des Wunsches, ganz tief in eine bestimmte Thematik einzusteigen, "den Dingen auf den Grund zu gehen".

Zu überlegen wäre auch, ob nicht eine höhere Qualität schulischer Bildung erreicht werden könnte, wenn im Auftrage des jeweiligen Bundeslandes ein Teil der Lehrplaninhalte von erfahrenen Lehrer/innen und Mediengestalter/innen multimedial und interaktiv aufbereitet und in das Internet eingestellt werden würde. Es könnten so besonders gute Unterrichtselemente entstehen, die entweder von den Lehrer/innen während des "normalen" Unterrichts per Beamer "eingeblendet" oder von den Schüler/innen selbständig genutzt werden (z.B. bei Frei-/ Partnerarbeit, am Nachmittag während der Hausaufgabenzeit, im Rahmen von Projekten oder bei Unterrichtsausfall). Da viele Fachleute an dem jeweiligen Unterrichtselement mitgearbeitet haben, kann eine hohe Qualität desselben sichergestellt werden, und durch die multimediale Aufbereitung werden Lernmotivation und -erfolg bei den Schüler/innen sicherlich höher sein (In Mexiko wurde bereits das gesamte Curriculum für die 10- und 11-Jährigen in das Internet eingestellt. Circa 5 Mio. Schüler/innen erhalten nun ihren Unterricht via die "Enciclomedia").

Auf jeden Fall gehört die Zukunft der Ganztagsschule - aber einer Ganztagsschule, in der die Unterrichtszeiten entzerrt sind, in der es auch Fächer ohne Benotung gibt, in der Schüler viele Wahlmöglichkeiten haben, in der sie Freiräume vorfinden und wo sie auch Freizeitangebote nutzen können. Theatergruppen, Bands, Orchester, Ateliers, Experimentiergruppen, Tanzkurse, unterschiedlichste Sportarten, Hobbygruppen u.v.a.m. könnten hier einen Platz finden. Und Raum für solche Angebote gibt es, selbst wenn man den Fächerkanon wie vorgeschlagen erweitert: Nimmt man die Vorstellung vom lebenslangen Lernen ernst, muss man die Lehrpläne nicht überfrachten und die Kinder mit Wissen "voll stopfen" - zumal in der Wissensgesellschaft Wissen immer schneller veraltet. Erwerben Schüler/innen die erwähnten Kompetenzen, werden sie sich die im Verlauf ihres Lebens benötigten Kenntnisse selbst aneignen können.

Die Menschen werden sich in Zukunft Wissen und Fähigkeiten an mehr Lernorten als heute aneignen: an überbetrieblichen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, bei privaten Instituten, durch Konsultation von Experten, durch multimediale Lehr- und Schulungsprogramme, via Internet, im Ausland oder direkt am Arbeitsplatz durch Anleitung erfahrenerer Kolleg/innen. Auch wird es vermehrt modulare Bildungsangebote seitens der Hochschulen und privater Anbieter geben. So werden die Menschen im Verlauf ihres Lebens immer wieder neue Abschlüsse erwerben, werden die Bildungswege immer stärker individualisiert.

Schlussbemerkung

Das heutige Bildungssystem leistet noch keine Erziehung und Bildung, die Kinder zukunftsfähig machen. Deshalb ist es höchste Zeit für einen neuen bildungspolitischen Aufbruch! Zum einen müssen die Ausgaben für Kindertageseinrichtungen, Schulen und Universitäten stark erhöht werden - sie liegen derzeit unter dem OECD-Durchschnitt. Zum anderen muss eine höhere Qualität der Bildungsangebote gesichert werden, insbesondere durch eine kontinuierliche externe Evaluation. Das setzt aber voraus, dass den Bildungseinrichtungen mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit zugestanden werden, da nur so ein Wettbewerb zwischen ihnen entstehen kann sowie kreative und innovative Kräfte mobilisiert werden können. Staatliche Zuwendungen sollten teilweise an Qualitätskriterien geknüpft werden. Es sollte ein flexibles, anpassungsfähiges, "ertragorientiertes" Bildungssystem entstehen, das die Zukunft antizipiert.