Martin R. Textor
 

Energy Watch Group: Die Reichweite der Kohle wird deutlich überschätzt

Ungeachtet der großen Risiken für das Klima wird der Anteil der Kohle an der Energieversorgung deutlich ausgeweitet. Doch dieser Weg könnte in eine Sackgasse führen: Die Energy Watch Group hat erstmals die internationalen Statistiken über die Kohlereserven analysiert. Fazit: Vermutlich ist deutlich weniger Kohle verfügbar als weithin angenommen. So hatte die Bundesanstalt für Geowissenschaften die deutschen Steinkohlereserven über Jahrzehnte mit 23 bis 24 Milliarden Tonnen angegeben. Im Jahr 2004 wurden sie auf 183 Millionen Tonnen herabgestuft, also um 99% reduziert. Auch bei der Braunkohle gab es dramatische Abwertungen um mehr als 80%.

In China wurde bereits ein Fünftel der 1992 angegebenen Reserven gefördert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die chinesische Kohleförderung in den kommenden zehn Jahren ihren Höhepunkt überschreiten wird.

Nur Indien und Australien haben in den vergangenen 20 Jahren die Reserven angehoben: Indien von 12,6 Milliarden Tonnen (1987) auf 90 Milliarden Tonnen (2005) und Australien von 29 Milliarden Tonnen (1987) auf 38,6 Milliarden Tonnen (2005). Für alle anderen Länder wurden die Reserven im Schnitt um 35% abgewertet.

Insgesamt wurden 2005 die weltweit verfügbaren und abbaubaren Steinkohlelager um 15% geringer eingeschätzt als 1987. Bei Braunkohle ergibt sich der gleiche Trend. Die weltweit vermuteten Lagerstätten wurden im gleichen Zeitraum um 50% herabgestuft. Bei heutigem Verbrauch würden die in den Statistiken berichteten Kohlereserven noch für 155 Jahre ausreichen.

Sechs Staaten teilen sich 85% der globalen Kohlereserven. An der Spitze stehen die USA (2005: 120 Milliarden Tonnen Öläquivalent), es folgen Russland (69 Milliarden Tonnen), Indien (61 Milliarden Tonnen), China (59 Milliarden Tonnen), weit abgeschlagen Australien und Südafrika. Wer die meisten Reserven hat, ist nicht automatisch die wichtigste Fördernation: China ist der weltgrößte Kohleförderer (2005: 1,1 Milliarden Tonnen), besitzt aber nur halb so große Reserven wie die USA. Die Vereinigten Staaten förderten 2005 rund 576 Millionen Tonnen, sie halten hingegen 30% der Weltreserven. Die Australier holten 202 Millionen Tonnen aus der Erde, Indien 200 Millionen Tonnen. Rechnet man Südafrika und Russland hinzu, decken diese sechs Staaten rund 80% der Weltproduktion an Steinkohle ab.

In den Export gingen 2005 nur deutlich geringere Mengen. Der größte Nettoexporteur war Australien (150 Millionen Tonnen), gefolgt von Indonesien (60 Millionen Tonnen), Südafrika (47 Millionen Tonnen) und Kolumbien (36 Millionen Tonnen). Auch China und Russland warfen Kohle auf den Weltmarkt. Diese sechs Länder steuern rund 85% der weltweiten Exporte bei. China aber wird in wenigen Jahren als Exporteur ausfallen.

Die Kohlereserven der USA reichen auf dem Papier für mehr als 200 Jahre. Dennoch deutet einiges darauf hin, dass dort das Fördermaximum kurz bevorsteht - wenn es nicht schon überschritten wurde. Aufgrund des seit 1990 rückläufigen Anteils von Steinkohle stagniert der Beitrag der heimischen Kohle zur US-amerikanischen Energieversorgung seit 1998 oder sinkt sogar. Hochwertige Kohle muss bereits importiert werden. Es ist wahrscheinlich, dass die vermuteten Kohlereserven in Montana nie gefördert werden, da der Tagebau dort direkt in Konkurrenz zu den Weideflächen der Farmer steht. Viehzucht ist der wichtigste Wirtschaftszweig dieses Bundesstaates. In Montana aber liegt bereits die Hälfte der amerikanischen Kohlereserven.

Geht man nun davon aus, dass die Kohle in den kommenden Jahrzehnten die Förderrückgänge bei Erdgas und Erdöl auffangen soll, wäre zunächst eine Ausweitung der globalen Förderung um 30% denkbar. Diese Zunahme müsste vor allem aus Australien, China, Russland, der Ukraine, Kasachstan und Südafrika kommen. Danach wird die Förderung konstant bleiben, um ab 2025 kontinuierlich abzufallen.

Quelle: Pressemitteilung der Energy Watch Group vom 05.04.2007