Martin R. Textor
 

Die Zukunft der Sexualität

Martin R. Textor

 

Während bei den frühen Menschen der Geschlechtsverkehr - wie bei Primaten - wohl an die fruchtbaren Tage der Frau und an die Jahreszeit gebunden war (Säugetiere gebären nicht in einer Jahreszeit, in der das Nahrungsangebot knapp ist), wurde im weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte die Sexualität immer mehr von der Fortpflanzung abgekoppelt und hinsichtlich der Praktiken verfeinert. Die Gefühlsebene gewann an Bedeutung (Minne, romantische Liebe...); die arrangierte Ehe wurde zunehmend durch die Heirat aus Liebe abgelöst; die gesellschaftliche Kontrolle des Sexualverhaltens (bis hin zu Eheverboten) nahm ab; kirchliche Vorschriften verloren an Bedeutung (z.B. Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs); die Entdeckung immer besserer Verhütungsmittel führte zur zunehmenden Entkoppelung von Sexualität und Zeugung; "neue" Sexualpraktiken verbreiteten sich schnell, als sie von den Medien bekannt gemacht wurden; technische Hilfsmittel und Medikamente zur Steigerung des sexuellen Empfindens wurden entwickelt.

Solche Veränderungsprozesse sind noch längst nicht abgeschlossen. In diesem Artikel sollen einige ausgewählte Entwicklungstrends der letzten 20 Jahre skizziert und in die nahe Zukunft fortgeschrieben werden.

Die totale Aufklärung

In den letzten Jahren hat sich die Menge an Informationen zum Themenkreis Sexualität vervielfacht. Zeitschriften, Zeitungen und Bücher wetteifern mit dem Internet, wer noch detailliertere Texte und entsprechende Fotos (bzw. Videos) veröffentlicht. Die Bandbreite der Informationen reicht von lexikalisch-komplex über zielgruppenspezifisch-umfassend, journalistisch-korrekt und erotisch-literarisch bis hin zu aufreißerisch-vulgär. Bücher wie z.B. "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche oder die Roman-Trilogie "Fifty Shades of Grey" von E.L. James sind zu Bestsellern geworden; entsprechende Filme haben eine weite Verbreitung gefunden.

Jeder Mensch - egal ob Kind oder Senior - kann sich inzwischen mühelos und (auch) kostenfrei Informationen über alle nur denkbaren sexuellen Fragestellungen besorgen. Dies hat eindeutig zu einer enormen Zunahme der Breite und Differenziertheit entsprechender Kenntnisse bei Menschen jeder Altersgruppe geführt - wobei sie in der Regel bei jüngeren Personen umfassender und komplexer als bei älteren sind. Kinder werden immer früher mit Informationen und Darstellungen rund um das menschliche Sexualverhalten konfrontiert. Insbesondere bei älteren Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden kann man eine "Sexualisierung" ihrer sozialen und kulturellen Lebenswelt beobachten.

Es ist schwer vorstellbar, dass in den kommenden Jahren neue Aspekte des Sexualverhaltens "entdeckt" werden, die noch nicht thematisiert wurden. Versuche, Kindern den Zugang zu Informationen, Bildern und Videos über Sexualität zu erschweren, dürften auch in Zukunft weitgehend erfolglos bleiben, da sie innerhalb ihrer Peergroups weit verbreitet sind. Mit der Alterung der Generationen werden die Kenntnisse zukünftiger Senioren über das menschliche Sexualverhalten aber umfassender und differenzierter sein als dies heute der Fall ist.

Die "Pornografisierung" sexueller Skripte

Das individuelle Wissen über Sexualität wird auch zunehmend durch pornografische Bilder und Filme geprägt, die im Internet ohne den geringsten Aufwand von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen konsumiert werden können - auf vielen Websites anonym und kostenfrei. Im Jahr 2013 bestanden 12,5% aller Webseitenaufrufe in Deutschland aus Zugriffen auf pornografische Seiten (Arthur 2015) - eine andere Schätzung geht sogar von schätzungsweise 30% des gesamten Datenverkehrs aus (Biermann 2015).

Derzeit sind knapp drei Viertel aller Nutzer von Internet-Pornografie männlich. Dementsprechend sind die meisten Filme an ihre "Vorlieben" angepasst: Der Sexualakt in allen Variationen steht im Mittelpunkt, wobei sich die Frauen eher passiv verhalten. Besonders häufig wurde 2013 nach Filmen mit Teens und mit analem Geschlechtsverkehr gesucht (Brandes 2015).

Schon laut der "Dr.-Sommer Studie Liebe! Körper! Sexualität!" aus dem Jahr 2009 hatten 69% aller Jungen und 57% aller Mädchen pornografische Bilder oder Filme gesehen (Bravo 2014). Der Konsum von Pornos nahm ab dem 13. Lebensjahr deutlich zu - bei den 17-Jährigen hatten bereits 93% der Jungen und 80% der Mädchen solche Videos genutzt. Eine aktuellere Befragung von 1.077 Personen im Alter zwischen 12 und 21 Jahren ergab, dass Pornografie für sie zu einer Alltagserscheinung geworden ist: "Das durchschnittliche Einstiegsalter liegt bei 14 Jahren. In diesem Alter lässt sich auch die häufigste Rezeption ausmachen" (Rihl 2013, S. 57).

Da das Durchschnittsalter beim ersten Geschlechtsverkehr 16 bis 17 Jahre beträgt (s.u.), haben Jugendliche bis dahin schon zwei bis drei Jahre lang Erfahrungen mit Pornos gemacht - alleine, im Freundeskreis, mit einem Partner oder auf dem Schulhof. So ist davon auszugehen, dass solche Filme zunehmend ihre sexuellen Vorstellungen und Erwartungen prägen. "Durch sich verändernde Informations- und Kommunikationsstrukturen und die Präsenz des Sexuellen im medialen und öffentlichen Raum, aber auch durch die frühe Konfrontation mit Pornografie gehen heutige Jugendliche im Vergleich zu früheren Generationen mit viel mehr Wissen in die ersten eigenen sexuellen Begegnungen. Aufgrund dieser 'Overscription' verfügen Jugendliche und Kinder schon lange vor ihrem eigenen sexuellen Handeln über viel mehr Wissen, aber auch Halbwissen zur Sexualität. ... Dieses Wissen kann das Handeln erleichtern, gefühlte Informationslücken (Anatomie, Praktiken) schließen oder entsprechendes Problembewusstsein wecken. Es kann aber auch verunsichern, zu Leistungsgedanken oder anderen überzogenen Ansprüchen an partnerschaftliche Sexualität führen" (Kuhle/ Neutze /Beier 2012, S. 26).

Beispielsweise kann Pornografiekonsum dazu führen, dass Jugendliche (und Erwachsene) die reale Häufigkeit von oralem und analem Sex überschätzen. So befürchten Mädchen häufig, dass sie entsprechende Praktiken ausüben müssen, oder fühlen sich durch ihren Partner unter Druck gesetzt, die pornografische Skripte ("Drehbücher") umsetzen wollen. Manche Jungen (und Männer) machen sich Sorgen, weil ihre Penisse nicht so groß wie die von Porno-Darstellern sind oder sie nicht dieselbe Ausdauer zeigen (z.B. Kuhle/ Neutze /Beier 2012).

Die meisten Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen sehen aber Porno-Szenen kritisch und sind sich bewusst, dass diese nicht der Realität entsprechen. Bei ihnen sind keine schädlichen Auswirkungen des Pornografiekonsums festzustellen (z.B. Schmidt/ Matthiesen 2011; Starke 2010). Nur ein kleiner Teil der (jungen) Männer scheint - insbesondere bei regelmäßigem Konsum harter bzw. gewalttätiger Filme - negativ beeinflusst zu werden: Sie betrachten Frauen als Sexobjekte, akzeptieren bzw. tolerieren sexuelle Aggressivität, glauben Vergewaltigungsmythen (dass manche Frauen zum Sex gezwungen werden wollten oder bei einer Vergewaltigung Lust empfänden) und sind mit ihrem Sexualleben unzufrieden (da sie es mit Pornos vergleichen) (z.B. Foubert/ Brosi/ Bannon 2011; Hill 2011; Krahé 2011). Ferner tendieren sie dazu, den Pornografiekonsum zu steigern und immer mehr deviante Sexualpraktiken zu betrachten (z.B. Endrass/ Rossegger/ Borchard 2014). Auch Kinderpornografie ist weiterhin leicht im Internet zu finden.

Die Pornografieerfahrungen Jugendlicher haben jedoch keinesfalls zu einer Verfrühung sexueller Aktivität oder zu einem häufigeren Partnerwechsel geführt. Im Vergleich zu den 1980er und 1990er Jahren findet der erste Geschlechtsverkehr sogar eher später statt (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2010). Bei einer Befragung von 15-Jährigen, die in den Jahren 2009 und 2010 durchgeführt wurde, gaben nur 25% der 869 Mädchen und 20% der 670 Jungen an, Geschlechtsverkehr gehabt zu haben bzw. zu haben (Bucksch/ Glücks/ Kolip 2013). Laut einer repräsentativen Studie über 15- bis 17-jährige Jugendliche hatten 34,4% der 4.185 Befragten Koituserfahrung: 20% der 15-jährigen Mädchen und 17% der Jungen bzw. 49% der 17-jährigen Mädchen und 51% der Jungen (Wendt/ Walper 2013). Der geschätzte Median beim ersten Geschlechtsverkehr betrug 17,1 Jahre. Nur 25,6% der Befragten berichteten von einer festen Partnerschaft, die im Durchschnitt seit 8,5 Monaten bestand. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2010) hatten 48% der 14- bis 17-jährigen sexuell aktiven Mädchen und 40% der Jungen bisher einen Sexualpartner; 11 bzw. 21% hatten schon mehr als drei Partner. Im Gegensatz zu früheren Studien gaben mehr Befragte an, bisher nur einen Partner gehabt zu haben.

Auch bei Student/innen ist kein häufiger Partnerwechsel festzustellen. So ergab eine Befragung von 2.082 Studierenden, dass sie zu Beginn des Studiums durchschnittlich in ihrer zweiten und am Ende des Studiums in ihrer dritten festen Beziehung lebten; die aktuellen Partnerschaften bestanden im Durchschnitt seit 40 Monaten (Matthiesen/ Böhm 2013). Ferner hatten sie mit ca. drei weiteren Personen ein kurzes sexuelles Verhältnis gehabt; über 90% der Sexualakte fanden aber in festen Beziehungen statt. Der schon etwas ältere "Sexreport 2008", für den 55.000 Deutsche befragt wurden, ergab eine durchschnittliche Zahl der Sexualpartner von 6,7 bei Frauen und 10,2 bei Männern (Sexstudie: So liebt Deutschland 2015). Viele Erwachsene haben aber Erfahrungen mit verschiedenen Sexualpraktiken gesammelt: Laut Statista (2015a) hatten z.B. 86% der Frauen und 83% der Männer Oralverkehr, 57% bzw. 47% Analverkehr, 12 bzw. 11% Gruppensex und 10 bzw. 8% Sado-Maso-Spiele ausprobiert.

In Zukunft werden nahezu alle älteren Kinder, Jugendlichen und (jüngeren) Erwachsenen pornografische Websites nutzen. Der mehr oder minder kontinuierliche Pornografiekonsum wird dazu führen, dass der Geschlechtsverkehr variantenreicher wird. Auch wird sich bei jüngeren Menschen immer mehr die Intimrasur durchsetzen (Matthiesen/ Mainka 2011). Da Pornos den Sexualakt fokussieren, könnten aber Aktivitäten wie Schmusen, Kuscheln, Küssen, Petting bzw. Vorspiel an Bedeutung verlieren. Mehr Menschen werden auch Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichen Partnern sammeln - angeregt durch entsprechende Videos.

Sexting - erotische Botschaften versenden

Seit einigen Jahren können sich Menschen dank Handy, Smartphone und Tablet sexuell aufreizende Botschaften und erotische Fotos des eigenen Körpers bzw. von Körperteilen senden. Problematisiert wird, dass sie beim Sexting die Kontrolle über das intime Bildmaterial verlieren, das in Einzelfällen - z.B. nach einer Trennung - auf Websites eingestellt oder im Bekanntenkreis verschickt wurde ("sexualisiertes Mobbing"). Inzwischen sind sich aber die meisten Jugendlichen und Erwachsenen dieser Gefahr bewusst und praktizieren entweder überhaupt kein Sexting oder beachten Vorsichtsmaßnahmen (versenden z.B. keine erotischen Fotos, auf denen ihr Gesicht zu erkennen ist).

Laut einer Pilotstudie (Döring 2012) betreibt in Deutschland weniger als ein Fünftel der Jugendlichen Sexting. Junge Erwachsenen verschicken häufiger intime Fotos - zumindest in den USA: Laut einer Studie der Universität von Michigan hatten 43% der 3.447 befragten Personen im Alter von 18 bis 24 Jahren sexuell aufreizende Botschaften und erotische Fotos verschickt bzw. empfangen (The Huffington Post 2015).

Auch in den kommenden Jahren wird sicherlich Sexting praktiziert werden, vermutlich in etwas größerem Umfang als heute. Dies wird überwiegend im Kontext längerfristiger Partnerschaften geschehen, gelegentlich aber auch als Mutprobe. Sexting wird insbesondere von Jugendlichen als eine Form der Selbstdarstellung verstanden werden.

Chatrooms - nicht nur "dirty talking"

In den letzten Jahren sind im Internet immer mehr Chatrooms, Blogs und Foren entstanden, die von älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zum Austausch mit anderen genutzt werden. Inzwischen gibt es laut Statista (2015b) in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre rund 16,5 Mio. Personen, die häufig bzw. regelmäßig Chats oder Instant Messenger nutzen; weitere 8,9 Mio. sind gelegentliche Nutzer/innen. Nahezu alle Jugendlichen und Heranwachsenden verwenden diese Kommunikationswege.

Hinsichtlich des Sexualverhaltens haben Chatrooms drei verschiedene Funktionen:

  1. Information und Beratung: Insbesondere Foren und Chatrooms, die von öffentlich finanzierten Stellen betrieben werden, ermöglichen den Austausch über Fragen rund um die Sexualität. Oft ist auch eine (anonyme) Beratung durch Fachleute möglich.
  2. Sexualisierte Interaktion: Viele Chatrooms und Foren dienen dem (anonymen) Austausch erotischer Fantasien - bei weitgehender Abwesenheit von Hemmungen und Schamgefühlen. Häufig sind sie auf besondere Zielgruppen (z.B. Homosexuelle, Fetischisten usw.) spezialisiert.
  3. Anbahnung sexueller Kontakte: Über Chatrooms lassen sich auch Sexualpartner finden - für One-Night-Stands, kurzfristige oder längerfristige Beziehungen.

Die Nutzung von Chatrooms wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich weiter zunehmen. Eine Pilotstudie über 160 junge Frauen und Männer im Alter von 16 bis 19 Jahren zeigte, dass sich ein Drittel der Interviewten schon mindestens einmal mit einer Person getroffen haben, die sie im Internet kennen gelernt hatten (Martyniuk/ Matthiesen 2011). Es war den Befragten bewusst, dass auch z.B. Pädophile diesen Weg nutzen, um an potenzielle Opfer zu gelangen ("Cyber-Grooming"), und so ließen sie sich Zeit mit dem ersten Treffen, telefonierten vorab mehrmals mit der Person, ließen sich bei der persönlichen Kontaktaufnahme von Freunden begleiten oder legten diese in einen öffentlichen Raum.

Der neue Partnermarkt

Seit einigen Jahren nutzen vor allem Erwachsene neben Chatrooms und sozialen Netzwerken zunehmend Kontaktbörsen oder Partnervermittlungen im Internet, um entweder (kurzfristige) Sexualkontakte herbeizuführen oder längerfristige partnerschaftliche Beziehungen anzubahnen. Laut Statista (2015c) gab es im Jahr 2013 rund 98 Mio. Mitgliedschaften bei deutschsprachigen Online-Dating-Börsen - aber nur 8,1 Mio. aktive Nutzer/innen, die somit in der Regel bei mehreren Börsen registriert waren.

Kontaktbörsen bieten gegenüber Zeitungsannoncen den Vorteil, dass sich die jeweilige Person umfassender, detailreicher und aussagekräftiger präsentieren kann. Allerdings kann sie ihren "Online-Steckbrief" auch "schönen". So ist das erste Treffen oftmals enttäuschend, wird die Beziehung schnell wieder abgebrochen. Online-Börsen, die (anonyme) sexuelle Kontakte vermitteln, erleichtern "Seitensprünge" und können damit die Stabilität einer bereits länger bestehenden Partnerschaft bzw. Ehe gefährden. Sie können aber auch Personen mit speziellen sexuellen Bedürfnissen, die in der dauerhaften Beziehung nicht befriedigt werden, helfen, einen entsprechenden Partner zu finden (z.B. bei Bisexualität).

Single-Börsen erleichtern die Suche nach einer festen Beziehung. Daneben gibt es Online-Partnervermittlungen, die sich von Kontaktbörsen z.B. dadurch unterscheiden, dass sie von Wissenschaftler/innen entwickelte Persönlichkeitstests einsetzen, Profile redaktionell überarbeiten und nur sehr wenige, gezielte Vorschläge machen.

Laut einer repräsentativen Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos (2015) aus dem Jahr 2014, bei der 1.000 Internetnutzer/innen zwischen 16 und 70 Jahren befragt wurden, suchen nur 16% der Nutzer/innen von Online-Portalen nach erotischen Kontakten, 25% hingegen nach einer festen Partnerschaft. In der erstgenannten Gruppe waren 52% der Befragten erfolgreich. In der zweiten Gruppe fanden 56% der Personen einem festen Partner.

Inzwischen beginnt etwa jede dritte Partnerschaft im Internet. Bedenkt man, dass in den nächsten Jahren die Jobs eher noch stressiger werden, mehr Menschen an Abenden oder an Wochenenden arbeiten müssen und die berufliche Mobilität weiter zunehmen wird, so werden Single-Börsen und Online-Partnervermittlungen wahrscheinlich noch an Bedeutung gewinnen: Sie erleichtern es Menschen, trotz dieser Lebensbedingungen potenzielle Partner zu finden. Zugleich erweitern sie den Partnermarkt über den (kleinen) Kreis von Freunden, Bekannten und Kollegen hinaus.

Cybersex und Remote Sex

In den letzten Jahren wurden Singleplayer- und Multiplayer-Online-Rollenspiele entwickelt, bei denen die Spieler/innen die von ihnen gesteuerten Avatare auch sexuelle Handlungen ausführen lassen können (siehe z.B. http://www.multiplayersexgames.com). Dabei kann eine eigenständige virtuelle Identität aufgebaut werden, die nicht der eigenen Realität entspricht (so kann z.B. eine Frau einen Mann verkörpern).

Dank der Entwicklung von Webcams können sich Partner bzw. Fremde, die sich an verschiedenen Orten befinden, bei sexuellen Aktivitäten zuschauen. Außerdem gibt es Websites, bei denen dies gegen Bezahlung möglich ist. Dabei kann auch interaktives Sexspielzeug wie z.B. ein ferngesteuerter Dildo oder eine künstliche Vagina eingesetzt werden, die digitalen Input in körperliche Empfindungen übertragen - und umgekehrt ("Teledildonics").

Auch bei einigen der bereits erwähnten Online-Rollenspiele ist es inzwischen möglich, die Handlungen der Avatare mit Hilfe von interaktiven Sexspielzeugen unmittelbar mitzuerleben oder zu kontrollieren. Manche Geräte können zudem mit speziell für sie produzierten Pornofilmen synchronisiert werden.

Cybersex und Remote Sex werden sicherlich auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Das physische Erleben wird durch verbessertes Sexspielzeug noch gesteigert werden. Auch wird es in einigen Jahren Datenhelme und Ganzkörperanzüge geben, die das sexuelle Ausdrucks- und Erfahrungsspektrum noch erweitern werden.

Spielzeug zur Steigerung sexueller Empfindungen

Natürlich wurden in den letzten Jahren auch "analoge" Sexspielzeuge entwickelt und verbessert. Dazu gehören Vibratoren, Dildos, Masturbatoren, Liebeskugeln, Anal-Plugs, Sexpuppen u.v.a.m. Inzwischen gibt es viele verschiedene Ausführungen, die sich zum Teil mit mehr als 30 Einstellungen steuern oder mit Hilfe eines Computers den eigenen Vorlieben entsprechend programmieren lassen. Die verwendeten Materialien und Flüssigkeiten würden "lebensechte" Eindrücke vermitteln.

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Sexspielzeugen stark angestiegen. So werden sie nicht mehr wie früher nur in Sexshops oder von spezialisierten Versandhäusern vertrieben, sondern auch von "normalen" (Online-) Händlern. Laut der "Durex Global Sex Studie 2012", für die 29.000 Erwachsene aus 36 Ländern befragt wurden (darunter 1.006 Deutsche), benutzen 43% der österreichischen, 32% der deutschen und 31% der schweizerischen Paare Sexspielzeuge (Durex 2015). Insbesondere Frauen könnten von der Verwendung von Sextoys profitieren, da nur etwa 25% aller Frauen regelmäßig beim Sex einen Orgasmus erleben würden - bis zu 10% würden nie zum Höhepunkt kommen (Hasse 2015; ähnlich laut Statista 2015d).

In den kommenden Jahren wird die Verwendung von Sexspielzeugen wahrscheinlich weiter zunehmen: Je mehr Menschen erleben, dass sie mit diesen Hilfsmitteln ihr sexuelles Empfinden steigern können, umso eher wird dies als "normal" bewertet und umso häufiger werden Vibratoren, Dildos, Masturbatoren usw. genutzt werden.

Vom Robotersex zur Roboterliebe

Auch Sexpuppen sind in den letzten Jahren weiterentwickelt worden - inzwischen gibt es sie z.B. mit herausnehmbarem Vagina- und Anus-Einsatz aus hautähnlichem Gleitmaterial, mit Vibrations-Händen oder mit Zusatzgeräten wie einem Vibro-Ei. Im Jahr 2010 brachte dann die amerikanische Firma TrueCompanion den ersten weiblichen Sexroboter auf den Markt: Roxxxy (Gold) bewegt sich dank eines künstlichen Skeletts fast wie eine echte Frau; hinsichtlich ihres Gesichts, ihrer Frisur, ihrer Haarfarbe, ihrer Haut usw. kann zwischen verschiedenen Varianten gewählt werden. Man kann mit ihr ein einfaches Gespräch führen, mit ihr simsen oder ihr Emails senden. Die Interaktion und ihr Verhalten sind davon abhängig, welche der fünf einprogrammierten (und veränderbaren) Persönlichkeiten von ihrem Besitzer gewählt wurde. Inzwischen gibt es auch einen männlichen Sexroboter namens Rocky. Beide Roboter können weder stehen noch gehen - entsprechende Weiterentwicklungen sollen aber bereits im Jahr 2015 auf den Markt kommen.

Laut dem Omnibus Poll aus dem Jahr 2013 (YouGov 2015), bei dem 1.000 erwachsene US-Amerikaner interviewt wurden, konnten sich 9% der Befragten vorstellen, Sex mit einem Roboter zu haben (11% waren unsicher, 81% verneinten die Frage). 18% der Amerikaner waren der Meinung, dass es im Jahr 2030 Sexroboter geben würde.

So könnte in naher Zukunft eintreffen, was der Autor David Levy in seinem 2007 erschienenen Buch "Love and Sex with Robots" vorausgesagt hatte: Bereits um das Jahr 2025 herum würde es viele Menschen geben, die einen Roboter als Freund, Partner und Liebhaber besitzen werden, und um das Jahr 2050 herum würden sie ihren Roboter auch heiraten dürfen. Bedenkt man, dass beispielsweise der japanische Robotiker Hiroshi Ishiguro bereits seit Jahren Roboter baut, die wie Menschen aussehen, wäre es nicht verwunderlich, wenn sich Erwachsene in solche Androiden verlieben würden...

Literatur

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