Martin R. Textor
 

Das unsichtbare Netz: Gegenwart und Zukunft

Martin R. Textor

 

In den kommenden Jahren werden immer mehr Menschen das Internet nutzen und damit Zugang zu denselben Informationen, Kenntnissen, Konsumartikeln, Filmen, Musikvideos, Spielen und Programmen haben. Sie werden auch Texte und Verbalaussagen in anderen Sprachen verstehen, da diese automatisch - und immer treffender - übersetzt werden. Gleichzeitig werden Geschwindigkeit und Rechenleistung der von ihnen verwendeten Geräte sowie die im Internet übertragenen Datenmengen rasant zunehmen.

Anfang 2013 verfügten laut Statistischem Bundesamt 85% der privaten Haushalte in Deutschland über Computer: 32% ausschließlich über mobile Geräte (Laptops, Notebooks, Tablets), 33% über stationäre und mobile Computer sowie 20% nur über einen stationären PC. In der Summe besaßen die 40 Mio. Privathaushalte 66 Mio. Computer; 80% hatten einen Internetzugang (in der Regel einen Breitbandanschluss). Ferner gab es in 93% der privaten Haushalte mindestens ein Handy, wobei es sich bei 62% der Geräte um Smartphones handelte.

Laut dem IT Research- und Beratungsunternehmen Gartner werden im Jahr 2014 weltweit ca. 1,9 Mrd. Mobiltelefone, 278 Mio. PCs und 263 Mio. Tablets verkauft werden. Derzeit werden etwa 1 Mrd. Smartphones benutzt; im Jahr 2020 werden nahezu alle Menschen auf dieser Erde über Mobiltelefone verfügen. Zu dem rasanten Wachstum trägt bei, dass das Festnetz in weniger entwickelten Ländern nur langsam ausgebaut wird (vor allem in den ländlichen Regionen) und dort das Handy zunehmend für Geldgeschäfte verwendet wird. Beispielsweise soll laut der Unternehmensberatung McKinsey die Zahl der Smartphone-Nutzer in Afrika von 67 Mio. (2012) auf 360 Mio. (2025) ansteigen. Im Jahr 2016 soll es weltweit bereits 448 Mio. Menschen geben, die Rechnungen mobil begleichen - voraussichtlich in einer Gesamthöhe von mehr als 600 Mrd. US $ (2012: rund 170 Mrd. $).

In den USA nutzen rund 247 Mio. Menschen das Internet - beispielsweise um ca. 5,2 Online-Käufe pro Monat zu tätigen. In China sind es 560 Mio. Menschen, die durchschnittlich 20 Stunden pro Woche im Internet sind und dort 8,4-mal pro Monat einkaufen. Hier ist der weltweit größte Online-Markt entstanden. In Deutschland nutzen die meisten Einwohner das Internet für Dienstleistungen: Beispielsweise shoppen mehr als drei Viertel der 14- bis 64-Jährigen online; knapp die Hälfte der 16- bis 74-Jährigen praktiziert Online-Banking; mehr als ein Drittel der Deutschen verwendet Reiseportale für Buchungen.

Ein schöner Nebeneffekt: Die Menschen müssen immer seltener warten - an Kassen, bei der Bank, an Fahrkartenschaltern, am Flughafen usw. Und noch besser: Das Internet ermöglicht den Preisvergleich, sodass beim billigsten Anbieter gekauft werden kann. Auch beim Shoppen im Geschäft kann mit Hilfe des Smartphones überprüft werden, ob es das jeweilige Produkt nicht woanders preiswerter gibt. Dies verschärft die Konkurrenz zwischen den Geschäften; die Preise - und damit die Inflationsraten - bleiben niedrig.

Erweiterte und virtuelle Realität

Smartphones und Tablets bieten aber noch mehr: Dank der "Augmented Reality" können bei einem mit der eingebauten Kamera fixierten Objekt Zusatzinformationen eingeblendet werden - z.B. bei einem Kleidungsstück, in welchen Größen es im jeweiligen Geschäft vorhanden ist, bei einem Restaurant, wie es von anderen Menschen bewertet wurde, oder bei einem sehenswerten Gebäude, wann und von wem es erbaut wurde. Virtuelle Spiegel (z.B. "StyleMe") und Softwareprogramme von Internetshops zeigen, wie man mit einem Kleidungsstück (oder Accessoire) aussehen würde, ohne dass man dieses anziehen muss.

Bei Verwendung einer besonderen Brille (z.B. "Google Glass") kann bei Stadtbesichtigungen und Museumsbesuchen z.B. ein Straßenzug mit einem historischen Foto, eine Ruine (wie das Kolosseum) mit einer grafischen Rekonstruktion oder ein Dinosaurierskelett mit einer Animation überlagert werden. Auch Navigationshinweise oder Werbebotschaften können eingeblendet werden. In naher Zukunft werden solche Brillen (oder andere mit Kamera und Internetzugang versehene Geräte) fremde Personen identifizieren können, falls Fotos von ihnen im Internet vorhanden sind. Dann könnten weitere Informationen über sie abgerufen werden (z.B. ob sie Single sind).

Bei "virtueller Realität" tauchen Benutzer komplett in eine in Echtzeit computergenerierte, interaktive virtuelle Welt ein. Dazu wird eine Videobrille oder eine das gesamte Gesichtsfeld abdeckende "Virtual-Reality-Brille" (bzw. -Helm) benötigt. Letztere verfügt auch über Sensoren zur Bewegungserfassung des Kopfes, sodass das Bild an die jeweilige Blickrichtung angepasst werden kann. Mit Hilfe eines Eingabegeräts kann man sich durch die virtuelle Welt bewegen bzw. einen Avatar steuern. Man kann mit anderen Avataren interagieren - und wird sogar Gefühle ihnen gegenüber empfinden, da die Wesen immer realer wirken. Laut dem Futurologen Arnold Brown werden in Zukunft haptische Technologien es ermöglichen, auch physisch auf andere Avatare zu reagieren; selbst virtueller Sex sei dann denkbar.

Besucht man verschiedene virtuelle Welten, kann man sich in jeder durch einen anderen Avatar vertreten lassen, den man nach eigenen Vorstellungen gestalten kann. In einigen Jahren werden diese Avatare auch Aufgaben lösen können, ohne dass man selbst in der jeweiligen virtuellen Welt präsent ist. Laut Arnold Brown könnten sie für eine Person Recherchen durchführen, ein virtuelles Unternehmen weiterführen oder den Kontakt zu anderen Personen (bzw. zu deren Avatare) aufrechterhalten (also z.B. Neuigkeiten über sie sammeln). Je mehr Menschen sich mit ihren (verschiedenen) Avataren identifizieren, umso mehr könnten die Grenzen zwischen realen und virtuellen Identitäten verschwimmen: Dann würden manche Menschen "multiple Persönlichkeiten" entwickeln, könnten also im Extremfall nur noch mit Mühe zwischen sich selbst und den eigenen Avataren unterscheiden.

Neue technische Entwicklungen

In den kommenden Jahren werden sich die Geräte verändern, mit denen Menschen das Internet nutzen. Schon jetzt können hierzu Armbanduhren (z.B. "Samsung Galaxy Gear") und Brillen (z.B. "Google Glass") verwendet werden. Um das Jahr 2020 herum werden Computer z.B. in Kleidungsstücke integriert, in die Oberfläche von Tischen eingefügt oder an die Wand geklebt werden - ultradünne und flexible Displays, die gerollt, gefaltet und verbogen werden können, machen dies möglich. Zudem werden sie immer häufiger über das gesprochene Wort oder durch Gesten gesteuert werden.

Einige dieser Geräte werden zum Monitoring des eigenen Gesundheitszustandes verwendet werden. So können Smartwatches oder Armbandgeräte (z.B. "Nike+ Fuelband") schon jetzt Daten wie Pulsfrequenz und Kalorienverbrauch liefern - in Zukunft werden sie noch mehr Körperfunktionen erfassen. Andere Geräte werden zur Dokumentation des eigenen Lebens eingesetzt werden - seit einigen Jahren gibt es bereits kleine Kameras (z.B. "Narrative Clip"), die am Blusen- bzw. Hemdkragen angeklippt werden, alle 30 Sekunden ein Foto machen und so den Tagesablauf festhalten. Mit Hilfe von Smartphones und Tablets können schon heute Heizung, Klimageräte, Alarmanlage, Rollläden etc. aus der Ferne gesteuert und Räume (z.B. mit einem schlafenden Baby) überwacht werden. Solche Apps werden in einigen Jahren weit verbreitet sein.

Damit wird sich auch das Wohnen ändern: Die Haustür wird entweder mit einer App auf dem Smartphone geöffnet oder geht erst nach der Überprüfung biometrischer Charakteristika auf. Bei Dunkelheit wird das Licht im Flur (oder einem anderen Zimmer) automatisch eingeschaltet - und geht wieder aus, wenn der Bewohner den jeweiligen Raum verlässt. Die Displays an den Wänden werden auf Wunsch Nachrichten, Fotos, Grafiken, Gemälde oder Filme zeigen. Beim Telefonieren werden die Gesprächspartner auf einem der Displays erscheinen - oder als 3-D-Hologramme im Raum. Insbesondere bei Senioren bzw. pflegebedürftigen Menschen wird durch Kameras überwacht werden, ob sie genug essen und trinken, regelmäßig ihre Medikamente nehmen usw. Werden keine Lebenszeichen mehr wahrgenommen - oder auffällige wie z.B. bei einem Sturz -, werden automatisch Ärzte, Notdienste oder Verwandte verständigt. Aber auch jüngere Erwachsene werden von solchen Überwachungssystemen profitieren, wenn diese z.B. Krankheitssymptome abfragen oder den Urin bzw. eine Blutprobe analysieren können. Je besser diagnostische Computerprogramme werden, umso häufiger wird dann der Weg zum Arzt entfallen...

Viele Haushaltsgeräte werden vernetzt sein, sodass z.B. der Inhalt des Kühlschranks auch von außerhalb der Wohnung erfasst werden kann. Regelmäßig benötigte Lebensmittel und Haushaltsartikel werden - sofern gewünscht - automatisch bestellt. Haushaltsroboter werden bei Bedarf die Böden wischen (wie z.B. der schon jetzt erhältliche "iRobot Braava"), Teppiche saugen (z.B. "Vorwerk Kobold VR100") und Fenster putzen (z.B. "Winbot W710"). Beleuchtung, Zimmertemperatur, Hintergrundmusik usw. werden entsprechend der Wünsche und Voreinstellungen der Bewohner variiert werden.

Die neue Medienwelt

Die Wohnung von morgen wird keine Wünsche hinsichtlich des Medienkonsums offen lassen. Das "klassische" Fernsehen wird eine immer unbedeutendere Rolle spielen: Dank "Time-Shifting" werden Sendungen dann angeschaut, wenn die jeweilige Person Zeit und Lust hat. Pay-TV wird zunehmend genutzt werden, da hier die störenden Werbeunterbrechungen fehlen. Immer häufiger werden Filme aus dem Internet heruntergeladen werden - nicht nur auf den Computer, sondern auch auf den Fernsehbildschirm (im Jahr 2015 wird es in Deutschland bereits 23 Mio. Haushalte mit internetfähigen TV-Geräten geben) und in einigen Jahren auf die schon erwähnten Wanddisplays. Eine noch größere Zukunft dürfte das Streaming von Videos haben, da hier keine oder nur geringe Kosten anfallen. Auch Nachrichten werden zunehmend aus dem Internet kommen, da sie aktueller als Fernsehnachrichten sind und immer besser entsprechend der eigenen Interessen gefiltert werden können. Inzwischen erlauben Tablets und Smartphones die Rezeption von audiovisuellen Inhalten an jedem beliebigen Ort zu jeder Zeit.

In den nächsten Jahren werden PC-Spiele immer mehr von Online-Spielen verdrängt werden. Letztere sind kostenlos bzw. relativ preiswert, werden schneller weiterentwickelt und lassen sich auch mit Freunden oder Unbekannten spielen, die ganz woanders wohnen. Im Jahr 2014 wurden weltweit knapp 87 Mrd. US $ für Videospiele ausgegeben. In Deutschland war der Umsatz mit 2,7 Mrd. Euro größer als der der Fußball-Bundesliga (Martin-Jung/ Tanriverdi/ Huber 2015). Inzwischen spielen bereits 42% der Deutschen regelmäßig, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Branchenverbandes Bitkom ergab (ebd.).

Tabelle 1 verdeutlicht, wie lange Kinder und Jugendliche Medien nutzen. In den kommenden Jahren wird die Nutzungsdauer von Internet und Online-Spielen vermutlich weiter zunehmen. Viele Eltern wissen allerdings nicht, womit sich ihre Kinder im Internet befassen. Laut einer Forsa-Umfrage von 2015 (im Auftrag der Krankenkasse DAK) hat die Hälfte der befragten 1.000 Eltern für ihre 12- bis 17-jährigen Kinder keine Regeln zur Internetnutzung aufgestellt. Eine "Internetsuchtgefährdung" wurde für 5% der Jugendlichen konstatiert.

Tabelle 1: Nutzungsdauer bei verschiedenen Medien
Medium 2- bis 5-Jährige (2014; laut Haupterzieher) 6- bis 13-Jährige (2014; laut Haupterzieher) 12- bis 19-Jährige (2015; laut Jugendlicher)

Lesen

26 Min.*

23 Min.

63 Min.

Fernsehen

43 Min.

93 Min.

113 Min.

Radio

18 Min.

29 Min.

83 Min.

Internetnutzung

2 Min.

36 Min.

208 Min.

Computer-, Konsolen-, Online- und Handyspiele

3 Min.

51 Min.

87 Min.

* Beschäftigung mit Büchern
Quellen: "miniKIM 2014", "KIM-Studie 2014" und "JIM-Studie 2015" des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, Stuttgart

Bei der 17. Shell Jugendstudie von 2015 wurde eine Typologie der Internetnutzer im Alter von 12 bis 25 Jahren entwickelt:

  • Die "Info-Nutzer" (25%), eher weibliche, ältere, besser gebildete Jugendliche, suchen im Internet vor allem nach Informationen (wöchentliche Internutzung: 17,8 Stunden).
  • Die "Medienkonsumenten" (24%), unter denen Schüler (inkl. Gymnasiasten) überrepräsentiert sind, nutzen das Internet vor allem zur Unterhaltung (wöchentliche Internutzung: 19,9 Stunden).
  • Die "digitalen Bewohner" (20%), überwiegend männlich und älter, verwenden das Internet allumfassend (wöchentliche Internutzung: 24,9 Stunden).
  • Die "Gelegenheitsnutzer" (19%) sind zumeist eher jüngere Jugendliche mit etwas geringerem Bildungshintergrund (wöchentliche Internutzung: 11,2 Stunden).
  • Die "interaktiv-orientierten Selbstdarsteller" (12%) nutzen vor allem die interaktiven Möglichkeiten des Internets (wöchentliche Internutzung: 16,0 Stunden).

Mindestens einmal am Tag greifen rund 57% der Befragten auf soziale Netzwerke zu, suchen 42% nach gerade benötigten Informationen im Internet, nehmen 37% an Chats teil, hören 27% Musik bzw. laden diese herunter und beschäftigen sich 24% mit Online-Spielen und Games.

Immer beliebter bei der Mediennutzung ist das "Multitasking": Die meisten (jüngeren) Menschen nutzen häufig mehrere Geräte gleichzeitig: Beispielsweise schauen sie einen Film an und telefonieren dabei mit Freunden, senden eine SMS oder surfen im Internet. Zudem können auf Fernseh- und Computerbildschirmen mehrere Fenster geöffnet werden, sodass z.B. gleichzeitig Fernsehprogramme angeschaut, Websites und Blogs genutzt oder Botschaften mit WhatsApp bzw. Twitter verschickt werden können. Bei einer Studie von Lawrence Baines (University of Oklahoma) wurde ermittelt, dass junge Amerikaner auf diese Weise 10 Stunden Medienkonsum in 7,5 reale Stunden hineinpacken.

Beim "Social TV" können Fernsehsendungen oder Livestreams kommentiert und bewertet werden, ist eine Meinungsaustausch mit anderen Zuschauern möglich (inzwischen sogar per Videochat). Bei Quizshows können die gleichen Fragen beantwortet werden, die gerade den Kandidaten gestellt wurden; bei Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" kann über das Internet abgestimmt werden. Zu vielen Fernsehsendungen gibt es inzwischen "Facebook"-Seiten, Tweets und Apps.

Das Internet - zwischen Verdummung und Wissenserwerb

Untersuchungen belegen, dass Kinder und Jugendliche, die Medien (mit Ausnahme von Büchern) intensiver nutzen, sich im Unterricht häufiger langweilen und schlechtere Schulnoten haben. Da Jungen mehr Zeit mit Fernsehen, dem Anschauen von Videos und elektronischen Spielen verbringen, wird in diesem Verhalten ein Grund dafür gesehen, weshalb Mädchen auf der Schule besser abschneiden.

Heute lesen Menschen weniger als früher, verbringen dafür aber mehr Zeit mit Fernsehen und im Internet. Hier werden sie einer immer einfacher werdenden Sprache ausgesetzt; zudem lesen sie Texte im Internet in der Regel nur kursorisch. Damit geht viel kognitive Anregung verloren, wie sie in Büchern und Tageszeitungen alleine schon durch die komplexe, de-kontextualisierte Schriftsprache gegeben ist. Aber auch hier veröffentlichten Inhalte wie z.B. Nachrichten, wissenschaftliche Texte oder Romanhandlungen sind anspruchsvoller. Hinzu kommt, dass die neuen Medien soviel an Ablenkung bieten, dass immer weniger Zeit zum Nachdenken übrig bleibt.

Auf viele Menschen haben Medienkonsum und Internetnutzung somit eine eher verdummende Wirkung. Sie verbringen fast ihre gesamte Freizeit mit dem Anschauen von Filmen und Fernsehshows, mit elektronischen Spielen, mit Surfen, Tweeten, Simsen usw. So bekommen sie immer weniger vom Weltgeschehen, von politischen Problemen, wissenschaftlichen Entdeckungen, technischen Neuerungen oder gesellschaftlichen Entwicklungen mit. Mangels Information wird die Welt für sie immer unverständlicher...

Und dabei ist im Internet so viel Wissen zu finden! Auf unzähligen Websites von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, wissenschaftlichen Organisationen, politischen Stiftungen, Sozialverbänden, Museen usw. können allgemeinbildende oder fachspezifische Kenntnisse abgerufen werden - alle Menschen auf dieser Erde haben prinzipiell Zugang zu demselben Wissen, sofern sie über einen Internetzugang verfügen. Auch gibt es immer mehr kostenfreie Bildungsangebote und vorinstallierte Lernprogramme. Beispielsweise bieten viele Universitäten und Websites ("Udacity", "Coursera", "Khan Academy" usw.) Kurse auf Hochschulniveau an - einige werden inzwischen von Tausenden von Studenten belegt. Zumeist ist die Nutzung kostenlos; nur wer für einen Kurs einen Abschluss erwerben möchte, muss eine (Prüfungs-) Gebühr bezahlen. Für den erfolgreichen Besuch eines Kurses werden häufig Credits vergeben, die bei einem Hochschulstudium angerechnet werden.

Maria H. Andersen, "Director of Learning and Innovation für die Greater Salt Lake City Area9", geht davon aus, dass in Zukunft das Lernen personalisiert sein wird: Belegt jemand einen Online-Kurs, wird er mit einem Fragenkatalog konfrontiert. Nur wenn er eine Frage nicht oder falsch beantwortet, werden die benötigten Kenntnisse eingespielt (und zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgefragt). So werden Fragen entsprechend der Vorkenntnisse und des Lernfortschritts variiert, Unter- und Überforderung werden minimiert.

Kommunikation in Zeiten von Internet und Handy

Inzwischen können nahezu alle Deutsche jederzeit erreicht werden - ihre Handys bzw. Smartphones sind immer eingeschaltet. Die eingebauten Kameras (auch in Tablets, Laptops etc.) und Programme wie "Skype" ermöglichen den Blickkontakt während des Telefonats. Zudem kann dem Gesprächspartner schnell ein Eindruck von dem Ort vermittelt werden, an dem man sich gerade befindet, oder von dort ablaufenden Ereignissen (z.B. den ersten Krabbelversuchen eines Babys). Laut einer Studie der Universität Bonn, an der rund 60.000 Personen teilnahmen, wird das Smartphone 88 Mal am Tag bzw. alle 18 Minuten genutzt - für insgesamt 2,5 Stunden.

Eine immer größer werdende Rolle spielen soziale Netzwerk - nicht nur in Nordamerika und Europa, sondern auch auf anderen Kontinenten. Am bekanntesten ist "Facebook", das erst im Jahr 2004 online ging - und 2013 schon rund 1,15 Mrd. Mitglieder hatte. In Deutschland ist die Hälfte der 14- bis 65-Jährigen in sozialen Netzwerken vertreten; bei den 14- bis 19-Jährigen sind es mehr als vier Fünftel.

Soziale Netzwerke dienen der Aufrechterhaltung von Beziehungen zwischen Verwandten, Klassenkameraden und Freunden, die an verschiedenen, weit voneinander entfernten Orten wohnen. Auch führen sie Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen, die Informationen und Erfahrungen austauschen wollen. So dürften nahezu alle Organisationen, Verbände, Parteien, Vereine und Selbsthilfegruppen in solchen Netzwerken vertreten sein.

Inzwischen werden soziale Netzwerke von vielen Menschen als öffentliche digitale Arena genutzt, in der sie sich selbst inszenieren: Sie dokumentieren nahezu jeder Tag, stellen fortwährend Fotos und Videos ein, beschreiben besondere Erlebnisse und die dadurch geweckten Gefühle. Zwischen vielen jungen Menschen ist ein Wettbewerb entstanden, wer mehr "Freunde" und "Likes" z.B. auf seiner "Facebook"-Seite sammelt. Von diesen Freunden gehen Updates ein, wenn sie ihre eigenen Seiten ergänzt haben, und so ist es nicht verwunderlich, wenn junge Menschen sich nahezu jeden Tag mehrere Stunden lang in sozialen Netzwerken aufhalten.

Insbesondere bei Fußball-, Fernseh-, Film- und Musikstars haben sich inzwischen Hunderttausende von Menschen selbst als "Freunde" auf deren Seiten registriert. Auf diese Weise wird deutlich, wie beliebt ein Star ist - oder ein Politiker, eine Partei, eine Firma. Einträge von Nutzern auf ihren eigenen Seiten, Interaktionen in Internetforen oder Kommentare auf den Websites von Unternehmen geben Auskunft darüber, wie deren Produkte ankommen - und so ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Unternehmen Mitarbeiter abstellen, die unbemerkt positive Aussagen über eigene Produkte in soziale Netzwerke platzieren sollen.

Inzwischen gibt es viele spezialisierte Websites, auf denen z.B. Restaurants, Lieferdienste, Reiseangebote, Geschäfte, Verkäufer (z.B. auf "eBay"), Arbeitgeber (z.B. auf "kununu"), Professoren (z.B. auf "MeinProf"), die Nachbarschaft (z.B. auf "ihood") oder eine riesige Palette verschiedenster Güter (z.B. auf "amazon") bewertet werden können. Im Nordamerika spricht man bereits von einer "rateocracy". So müssen Gaststätten, Geschäfte, Unternehmen, Hochschulen und andere Einrichtungen immer mehr die Meinungen von Besuchern, Kunden, Beschäftigten, Studenten usw. berücksichtigen. Es wird immer wichtiger, einen guten Ruf zu wahren oder wiederherzustellen. Beispielsweise müssen Manager zunehmend darauf achten, dass Produkte und Produktionsverfahren die Umwelt nicht belasten, Zulieferer aus Entwicklungs- und Schwellenländern nicht ihre Arbeiter ausbeuten und die Beschäftigten vor Ort zufrieden sind, damit sie nicht irgendwelche kritischen Kommentare im Internet veröffentlichen. Viele Unternehmen haben inzwischen einen Handlungsplan entwickelt, mit dessen Hilfe möglichst rasch auf Medienberichte über fehlerhafte bzw. gesundheitsgefährdende Produkte oder über andere Skandale reagiert werden soll.

Ständige Überwachung

Neben den von Menschen im Internet veröffentlichten Texten, Videos, Tweets etc. und den von Unternehmen und Behörden gesammelten Daten werden immer mehr Daten von Maschinen produziert, die im "Internet der Dinge" miteinander vernetzt sind. So könnte es im Jahr 2020 bereits 25 Mrd. Geräte geben, die miteinander über das Internet kommunizieren und mehr als 40% aller Daten erzeugen würden. Dementsprechend wird die weltweite Datenflut immer größer: Das Volumen verdoppelt sich derzeit alle zwei Jahre. Zur Analyse dieser "Big Data" wurden weltweit schon 4,6 Mrd. Euro (2012) ausgegeben; im Jahr 2016 könnten es bereits knapp 16 Mrd. sein.

Im "Internet der Dinge" werden z.B. Warenbestände in Geschäften und Unternehmen, die Haltbarkeit von Lebensmitteln und der Transport von Gütern überwacht sowie Produktionsanlagen und Infrastruktureinrichtungen gesteuert. Beispielsweise werden Verkehrsströme durch Kameras beobachtet und bei Bedarf Ampeln anders geschaltet oder Umleitungen automatisch eingerichtet. In naher Zukunft werden öffentliche Plätze, Straßenzüge, Geschäfts- und Verwaltungsgebäude sowie Wohnungen überwacht und Polizei, Hausdetektive oder Wachdienste bei Diebstählen, Gewalttaten oder Einbrüchen per Internet verständigt werden. Neue Daten auf sozialen Websites werden dahingehend ausgewertet werden, ob sie z.B. Hinweise auf Epidemien geben, und Sensoren an zu Überschwemmungen neigenden Flüssen oder an instabilen Berghängen werden vor Naturkatastrophen warnen.

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien werden laut Eric Schmidt, "Executive Chairman" von "Google", und Jared Cohen, Direktor von "Google Ideas", auch zunehmend beim Wiederaufbau von Regionen bzw. Ländern zum Einsatz kommen, die durch Kriege oder Naturkatastrophen verwüstet wurden. So lassen sich Mobilfunknetze relativ schnell aufbauen und ermöglichen dann die Kommunikation zwischen Helfern und den sie entsendenden Institutionen - aber auch wirtschaftliche und staatliche Aktivitäten. In Zukunft werden wichtige Dokumente von Behörden in der "Cloud" gespeichert werden, sodass sie auch nach der Zerstörung von Gebäuden und Computern zur Verfügung stehen. Dann könnten virtuelle Behörden staatliche und kommunale Aufgaben zumindest teilweise erfüllen - selbst aus dem Ausland heraus.

Im Jahr 2013 enthüllte der US-amerikanische Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, in welch zuvor unvorstellbarem Maße die amerikanische "National Security Agency" (NSA), das britische "Government Communications Headquarter" (GCHQ) und andere Geheimdienste den elektronischen Datenverkehr überwachen. Sie hören z.B. Telefonate über Glasfaserkabel und Handys ab, werten die Kommunikation im Internet aus, schleichen sich in Intranets und sogar in einzelne Computer ein und erfassen die Daten der Nutzer von "Google", "Bing", "Facebook" und anderen Websites. Alleine die NSA speichert zwischen 40 und 50 Billionen Telefonate und E-Mails aus aller Welt, vor allem Verbindungsdaten. In riesigen Datenzentren werden die gesammelten Informationen weitgehend automatisch ausgewertet. Auf diese Weise werden nicht nur verdächtige Personen und Organisationen sowie feindlich gesinnte Staaten überwacht, sondern auch befreundete Regierungen, Wirtschaftsunternehmen und Entscheidungsträger.

Inwieweit die westlichen Geheimdienste auch Industriespionage über das Internet betreiben, ist (noch) unbekannt. Andere Länder wie z.B. China und Russland sind in hohem Maße auf diesem Gebiet tätig. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt den Schaden, den die deutsche Wirtschaft durch Datendiebstahl erleidet, auf 60 Milliarden US $ pro Jahr. Laut Corporate Trust hat mehr als die Hälfte der befragten 600 deutschen Unternehmen mit Industriespionage zu kämpfen. Laut der "Commission on the Theft of American Intellectual Property" liegen die Schäden in den USA bei rund 300 Mrd. US $ pro Jahr. In der Regel dauert es mehrere Monate, bis ein Unternehmen entdeckt, dass es ausspioniert wird. Nur etwa 5% der amerikanischen Unternehmen sind vor Spionage über das Internet ausreichend geschützt. Aber auch Ministerien (selbst das Pentagon!), Universitäten, Forschungsstätten, Behörden, Organisationen und Verbände werden ausspioniert.

Ferner werden verletzliche Computersysteme und Infrastruktureinrichtungen über das Internet unterwandert. Im Falle eines (Cyber-) Krieges können so im Feindesland z.B. Stromnetze gestört oder Züge zum Entgleisen gebracht werden, kann der Computerhandel am Aktienmarkt unterbrochen oder die Temperaturüberwachung in Atomkraftwerken abgeschaltet werden. Die Schäden wären enorm. So wird IT-Security in den kommenden Jahren immer wichtiger werden.

Mit zunehmender Vernetzung wird die Verwundbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft noch größer werden - auch durch "Cyberterrorismus". So kann das Internet für die Verbreitung von Bauanleitungen für Sprengkörper, für die Geldbeschaffung (z.B. via Online-Betrug) und für die Planung von Anschlägen genutzt werden. Außerdem können Terrorgruppen Websites und soziale Netzwerke für die Selbstvermarktung und das Anwerben neuer Anhänger nutzen.

Allerdings erleichtern Internet und Mobilfunk auch die Suche nach Terroristen (und anderen Straftätern) sowie die Überwachung von Verdächtigen. Dazu wird die Datenflut automatisch durch entsprechende Software ausgewertet. Zunehmend werden auch festinstallierte oder mobile, z.B. in unbemannten Drohnen eingebaute Überwachungskameras genutzt. In manchen Städten (z.B. London, Shenzhen, Chongqing) gibt es bereits mehr als 100.000 Kameras, die miteinander vernetzt sind. In den nächsten Jahren werden Computerprogramme Menschen immer besser anhand biometrischer Merkmale identifizieren können. Zudem kann neu entwickelte Software (z.B. "Mind's Eye") auch die Handlungen der von Überwachungskameras erfassten Menschen analysieren und bei verdächtigen Aktionen Alarm auslösen.

Laut Eric Schmidt und Jared Cohen wird es für die Mächtigen dieser Welt schwerer, Meinungen zu manipulieren, da die Menschen korrekte und verifizierte Informationen über das Internet abrufen können. Auch können Menschenrechtsverletzungen, Polizeigewalt und das Vorgehen Bewaffneter in Bürgerkriegen leicht per Handykamera dokumentiert und im Internet veröffentlicht werden, was vielfach eine abschreckende Wirkung hat bzw. weitere Gewalt verhindert. Mit Hilfe der neuen Kommunikationstechnologien können sogar Revolutionen eingeleitet werden, wie z.B. der "Arabische Frühling" zeigte.

Jedoch können Regierungen in revolutionären Situationen das Internet und die Mobilfunkverbindungen weitgehend abschalten, wie dies z.B. in Ägypten Anfang 2011 praktiziert wurde. Ferner werden autoritäre Staaten wie China, Nordkorea, Saudiarabien, der Iran u.a. weiterhin versuchen, das Internet zu regulieren, indem sie entweder eine Zensur ausüben oder ihr Netz gegenüber dem Ausland abschirmen. Letzteres wird auch von einigen europäischen und südamerikanischen Ländern angedacht, um Daten besser vor ausländischen Geheimdiensten zu schützen. Diese sollen nur noch im eigenen Land gespeichert werden, und die Kommunikation im Inland soll ausschließlich über das nationale Netz laufen. Aber auch manche Konzerne planen geschlossene Netzwerke, auf deren (verschlüsselte) Daten Suchmaschinen überhaupt nicht und Geheimdienste nur schwer zugreifen könnten. Außerdem entstehen mancherorts Mesh-Netzwerke, bei denen Computer via Funk miteinander verbunden sind und Daten direkt austauschen.

Das Ende der Privatsphäre

Während die Überwachung durch Geheimdienste die meisten Bürger kalt lässt - schließlich haben sie ihres Erachtens nichts zu verbergen -, sieht es bei der "Datensammelwut" von Unternehmen anders aus: Geschäfte sammeln Daten über das Kaufverhalten, sofern man Kundenkarten verwendet, und werten diese in Hinblick auf Vorlieben für besondere Produkte und bestimmte Marken aus, aber auch hinsichtlich Lebensstil und Gesundheitszustand. Insbesondere Internetshops stellen dann gezielt Waren vor, die zum bisherigen Kaufmuster passen. Bei Ratenzahlungen oder der Beantragung von Darlehen können Daten über die Kreditwürdigkeit einer Person bzw. ihre Schulden abgerufen werden. Suchmaschinen werten Suchanfragen und soziale Websites Einträge aus, um auf den jeweiligen Nutzer zugeschnittene Werbeanzeigen einblenden zu können. Mobilfunkanbieter erfassen den Ort, an dem sich ein Smartphone- oder Tabletbesitzer gerade befindet, und können somit auch Bewegungsprofile erstellen. Aber auch immer mehr Autos können geortet werden, wenn z.B. Navigationssysteme benutzt werden.

Aber auch die Hersteller neuer PKW erfassen eine Unmenge an Daten über das Verhalten der Fahrer/innen. So berichtete der ADAC, dass bei den vier untersuchten Modellen z.B. alle zwei Minuten der Standort des PKW an den Hersteller übermittelt wird und ob das Fahrzeug im Stadtverkehr, auf Landstraßen oder Autobahnen unterwegs ist. Ferner werden Statusdaten wie Geschwindigkeit, Kilometerstand oder Verbrauch übertragen, aber auch z.B. die Zahl der elektromotorischen Gurtstraffungen (etwa aufgrund starken Bremsens - erlaubt Rückschlüsse auf den Fahrstil) oder die Häufigkeit des Wechselns von Musik-CDs oder Sticks. Die gesammelten Daten werden schon genutzt - durchaus auch zum Nachteil der Kunden: So berichtete der ADAC, dass einem Cabrio-Fahrer die kostenlose Reparatur seines Verdecks während der Gewährleistungsfrist verweigert wurde, weil er bei der Benutzung schneller als laut Bedienungsanleitung erlaubt gefahren sei.

Inzwischen gibt es für Eltern Apps, mit deren Hilfe sie den Standort ihres Kindes anhand seines Smartphones ermitteln können und die Alarm schlagen, wenn es sich außerhalb bestimmter Straßenzüge oder Areale bewegt. Andere Programme ermöglichen es, eine SMS des Kindes mitzulesen oder sein Smartphone zu sperren, wenn es auf Anrufe seiner Eltern nicht reagiert. In naher Zukunft werden vielleicht Chips unter die Haut von Alzheimer-Patienten gepflanzt werden, sodass sie schneller gefunden werden können, wenn sie sich verirrt haben. Auch entlassene Straftäter könnten unter noch festzulegenden Voraussetzungen auf solche Weise überwacht werden.

Je mehr personenbezogene Daten zwischen Unternehmen oder innerhalb großer Konzerne ausgetauscht werden, umso durchsichtiger wird der Kunde - und umso treffsicherer kann er mit Werbung "bombardiert" werden: Beim Bummeln durch seinen Heimatort wird das gerade benutzte mobile Gerät Anzeigen von seinen Lieblingsgeschäften einblenden; beim Bummeln durch einen Laden wird es ihn auf Sonderangebote und auf Produkte aufmerksam machen, die er schon häufiger gekauft hat; beim Erkunden einer fremden Stadt wird es ihn auf solche Restaurants hinweisen, die er an seinem Wohnort besucht. Aber auch Versicherungsgesellschaften werden u.U. solche Daten nutzen und z.B. höhere Prämien verlangen, wenn ein Erwachsener regelmäßig Tabakwaren, Alkohol oder fett- und zuckerreiche Lebensmittel kauft.

Dieses System wird weiter perfektioniert werden, da in naher Zukunft immer mehr Daten über den einzelnen Menschen vorliegen werden - z.B. weil er häufiger mit Kreditkarten, mit dem Smartphone oder mit Hilfe einer App bezahlen wird und somit noch mehr Konsumausgaben erfasst werden. Aus Selbststeuerung könnte dann ein eher fremdbestimmtes Verhalten werden, da die Bedürfnisse und Interessen einer Person immer mehr antizipiert und ihr dann entsprechende Angebote gemacht werden: Auf diese Weise wird das Individuum in die scheinbar von ihm gewünschten Richtung gelenkt...

Hinzu kommt, dass Menschen immer mehr Informationen über sich selbst in sozialen Netzwerken veröffentlichen, die von den jeweiligen Anbietern ausgewertet, für Werbebotschaften genutzt oder weiterverkauft werden. Diese Transparenz mag auch zu mehr sozialer Kontrolle oder gar zu negativen Reaktionen aus der Verwandtschaft führen, wenn z.B. Eltern erst beim Surfen in sozialen Websites entdecken, dass ihr Sohn homosexuell ist oder ihre Tochter ein Semester vertrödelt hat.

Insbesondere jüngere Menschen sind sich nicht bewusst, dass Freunde und Sexualpartner negative Informationen über sie auf Websites hochladen können, und viele haben im Internet schon Fotos von ihrem letzten Saufgelage oder sogar Nacktfotos entdeckt, die ihr Expartner aus Rache veröffentlicht hat. Inzwischen suchen immer mehr Arbeitgeber vor Neueinstellungen nach der jeweiligen Person im Internet - und werden dann durch solche Bilder oder vergleichbare Texte abgeschreckt, selbst wenn hier nur "Jugendsünden" dargestellt wurden.

In Zukunft wird es also immer wichtiger werden, die Kontrolle über im Internet veröffentlichte Informationen zu behalten, die zumeist nicht endgültig gelöscht werden können. Schon Kinder müssen mit Hilfe ihrer Eltern und Lehrer lernen, die eigene Privatsphäre zu schützen. Erwachsene werden beruflich und privat viele Daten (z.B. E-Mails) verschlüsseln. Außerdem werden die Menschen wieder mehr Textnachrichten, Fotos und Filme direkt versenden (z.B. über ihre Smartphones), anstatt sie in soziale Netzwerke einzustellen. Zur Kontrolle über die eigenen Daten gehört aber auch, gezielt eine bestimmte Auswahl zu veröffentlichen. Beispielsweise präsentieren sich (besser qualifizierte) Arbeitnehmer zunehmend in beruflichen Netzwerken (z.B. "LinkedIn"), weil sie wissen, dass immer mehr Arbeitgeber dort nach neuen Mitarbeitern suchen.

Laut der 17. Shell-Studie von 2015 gehen 72% der befragten Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren schon jetzt im Internet vorsichtig mit persönlichen Daten um. Auch sehen die meisten Befragten große Unternehmen wie Facebook oder Google durchaus kritisch; beispielsweise meinen 84%, dass diese Konzerne mit den Daten der Nutzer viel Geld verdienen wollen.

Den Deutschen sind die meisten Trends bewusst

Im Januar 2014 befragte das Institut für Demoskopie Allensbach 1.515 Personen ab 16 Jahre, mit welchen Veränderungen sie in den nächsten 10 Jahren durch das Internet und digitale Technologien rechnen. Es meinten

  • 90%, dass die Nutzung persönlicher Daten durch Unternehmen für Werbezwecke weiter zunehmen wird.
  • 84%, dass Kinder noch mehr Zeit als heute mit Computerspielen verbringen werden.
  • 71%, dass das Einkaufen im Internet die normalen Geschäfte immer mehr verdrängen wird.
  • 69%, dass die Menschen sich damit abfinden werden, dass ihre persönlichen Daten im Internet nicht sicher sind.
  • 66%, dass Forscher und Wissenschaftler neue technische Möglichkeiten entwickeln werden, die besser vor Datenmissbrauch und Hacker-Angriffen schützen.
  • 64%, dass das ständig verfügbare Informationsangebot im Internet dazu führen wird, dass die Menschen weniger lernen und nachdenken. ...
  • 51%, dass die mit dem Online-Handel einhergehenden Umweltbelastungen, z.B. durch mehr Verpackungsmüll, zu einem großen gesellschaftlichen Thema werden.
  • 51%, dass Kinder durch den Einsatz digitaler Technologien im Unterricht besser und schneller lernen werden.
  • 51%, dass Tauschseiten im Internet dazu führen werden, dass die Menschen mehr Gebrauchsgegenstände miteinander teilen werden, anstatt sie neu zu kaufen. ...
  • 48%, dass Studenten Vorlesungen fast ausschließlich über das Internet und nicht mehr im Hörsaal verfolgen werden. ...
  • 42%, dass die Allgemeinbildung der Menschen durch das jederzeit verfügbare Wissen im Internet zunehmen wird.
  • 39%, dass sich die meisten Paare über das Internet kennenlernen werden. ...

Diese Befragungsergebnisse zeigen, dass sich die Menschen sowohl der Gefahren als auch der Chancen bewusst sind, die das Internet und die digitalen Technologien mit sich bringen. In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, ob es der Wirtschaft und Politik - aber auch dem einzelnen Menschen - gelingt, die Risiken zu reduzieren und die Potenziale zu nutzen.

Literaturauswahl

Andersen, M.H.: The world is my school: Welcome to the era of personalized learning. The Futurist 2011, 45 (1), S. 12-17

Brown, A.: Relationships, community, and identity in the new virtual society. The Futurist 2011, 45 (2), S. 29-31, 34

Institut für Demoskopie Allensbach: Umfrage: Die Zukunft der digitalen Gesellschaft. https://www.digital-ist.de/index.php?id=201 (04.08.2015)

Martin-Jung, H./Tanriverdi, H./ Huber, M.: Gaming-Branche. Mehr Umsatz als die Bundesliga. http://www.sueddeutsche.de/digital/gamescom-spielen-ohne-rot-zu-werden-1.2590395 (04.08.2015)

Schmidt, E./Cohen, J.: Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft Reinbek: Rowohlt 2013

Shell: Die Shell Jugendstudie 2015. http://www.shell.de/aboutshell/our-commitment/shell-youth-study-2015.html (21.12.2015)

Anmerkung

Ergänzt und aktualisiert im August und im Dezember 2015 sowie im Juli/August 2016