Martin R. Textor
 

Die Zukunft der Landwirtschaft

Martin R. Textor

 

Im Folgenden werden einige für Landwirte besonders relevante Trends für die nächsten Jahre fortgeschrieben, die in der Rückschau oder aktuell zu beobachten sind. Zunächst sollen einige globale Trends und ihre Bedeutung für die Landwirtschaft kurz skizziert werden:

  • Klimawandel: Bedingt durch die Zunahme der Welt-Durchschnittstemperatur werden in Deutschland die Sommer trockener und die Winter feuchter werden. Es wird mit schweren Stürmen und sintflutartigen Regenfällen im Winter gerechnet, oft verbunden mit Hochwasser. Heiße und trockene Sommer können zu hohen Produktionswertverlusten für Bauern führen. Forstwirte werden die durch das erwartende Fichtensterben frei werdenden Flächen mit Baumarten wie Buche, Eiche oder Ahorn aufforsten, die weniger Erträge bringen.
  • Bevölkerungswachstum: Die Weltbevölkerung wird von derzeit rund 6,9 Milliarden Menschen auf etwa 8,0 Milliarden im Jahr 2025 und ca. 9,2 Milliarden im Jahr 2050 anwachsen. Da zugleich immer mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen aufgrund von Urbanisierung, Klimawandel, Erosion usw. verloren gehen, werden Nahrungsmittel knapper werden. Landwirte können mit steigenden Erzeugerpreisen rechnen.
  • Bevölkerungsrückgang: In Deutschland wird entgegen dem weltweiten Trend die Bevölkerung von derzeit 81 Millionen Menschen auf ca. 78 Millionen im Jahr 2030 und rund 71 Millionen im Jahr 2050 zurückgehen. In ländlichen, vor allem stadtfernen Regionen wird der Schrumpfungsprozess besonders stark aufgeprägt sein: Es wird immer mehr leer stehende und zunehmend verfallende Häuser geben, da niemand die Abrisskosten übernehmen will. In noch mehr Dörfern wird es keine Geschäfte, Ärzte, Gasthöfe und Vereine geben. Auf dem Land werden auch immer mehr Kindertageseinrichtungen und Schulen geschlossen werden. So werden viele Eltern lange Wege bis zur nächsten Kita zurücklegen müssen. Ältere Kinder werden an Schultagen immer seltener draußen sein können, da zum ganztägigen Aufenthalt in der Schule noch die langen Fahrtzeiten mit dem Schulbus kommen.
  • Bevölkerungsalterung: Der Anteil der 65-jährigen und älteren Deutschen an der Bevölkerung wird von derzeit 21% auf über 28% im Jahr 2030 und ca. 32% im Jahr 2050 zunehmen. So werden die Ausgaben für Senioren und Pflegebedürftige rasant ansteigen. Da Senioren die meisten Wähler stellen und auch in den Parteien überrepräsentiert sein werden, dürften ihre Interessen von der Politik immer stärker berücksichtigt werden. Für andere Bevölkerungsgruppen wird weniger Geld vorhanden sein. So wird vermutlich die finanzielle Förderung landwirtschaftlicher Betriebe - auch aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds - geringer werden.
  • Staatsverschuldung: Die finanziellen Spielräume des Staates werden außerdem durch die Staatsverschuldung begrenzt, die derzeit mehr als 2 Billionen Euro bzw. knapp 26.000 Euro pro Einwohner umfasst. Da aufgrund des Bevölkerungsrückgangs immer weniger Erwerbstätige diese Last tragen werden, dürften die Schulden zunehmend die Handlungsspielräume von Bund, Ländern und Gemeinden einschränken. So werden in Zukunft vermutlich weniger Mittel für Bildungswesen, Sozialsystem, Landwirtschaft usw. zur Verfügung stehen.
  • Wissensexplosion: Derzeit sind mehr als 100 Millionen Menschen als Wissenschaftler tätig, die immer mehr Wissen produzieren. Zusammen mit Millionen von Ingenieuren und Technikern - alleine in China schließen jedes Jahr 600.000 Personen ein ingenieurwissenschaftliches Studium ab - werden sie zu einer weiteren Beschleunigung des technologischen Wandels beitragen.

Zwei für die Landwirtschaft besonders relevante wissenschaftliche bzw. technische Entwicklungen sind Gentechnik und Robotik. Die Gentechnik dürfte vor allem mit Blick auf eine effektivere Produktion weiterentwickelt werden. Schon jetzt werden gentechnisch veränderte Pflanzen weltweit auf mehr als 100 Millionen Hektar angebaut - das ist etwa so viel wie Europa an Agrarfläche hat. Derzeit werden Produkte der 2. Generation entwickelt, die von der Industrie benötigte Substanzen liefern können. Beispielsweise soll die Genkartoffel "Amflora" als Rohstoff für Papier-, Textil- und Klebstofffirmen dienen, die in großem Maß die Stärke Amylopektin benötigen. Auch Tiere werden genetisch verändert. So gibt es bereits kleine Herden geklonter Tiere, die alle dasselbe Erbgut haben. Transgene Ziegen der US-Firma GTC Biotherapeutics geben den Blutgerinnungshemmer Antithrombin III über die Milch ab, transgene Rinder des deutschen Unternehmens Agrobiogen den gegen Hautkrebs wirksamen Antikörper R28M.

Auch Automatisierung und Robotik spielen eine immer größere Rolle in der Landwirtschaft, selbst wenn einige der im Folgenden vorgestellten Roboter eher als Prototypen zu bezeichnen sind. Was gibt es schon jetzt auf dem Markt?

  • Automatische Melksysteme: Beim Mehrboxensystem werden pro Melkbox ca. 60 bis 70 Kühe gemolken; beim Kuhkarussel können bis zu 80 Kühe gleichzeitig gemolken werden. Dabei werden Daten über jede Kuh erhoben, z.B. über ihre Milchleistung. Nicht verkehrsfähige Milch wird gleich aussortiert.
  • Automatische Futtersysteme: Sie sind schon so ausgefeilt, dass das einzelne Tier erkannt und mit einer speziell für es zubereiteten Futtermischung versorgt wird.
  • Futterschieber: Der vom niederländischen Landtechnikunternehmen Lely hergestellte Roboter schiebt Heu an den Futtertisch der Kühe und sorgt so dafür, dass dieser immer voll ist.
  • Roboter im Weinbau: Der z.B. schon in Burgund eingesetzte Roboter Wall-Ye kann täglich bis zu 600 Reben zurückschneiden. Dazu setzt er sechs Kameras und zwei voll bewegliche Arme ein. Auch speichert er Pflanzendaten ab, z.B. über den Gesundheitszustand.
  • Salatroboter: Ein von der Firma Tanimura & Antle entwickelter Roboter wird bereits in Kalifornien verwendet. Er pflückt reifen Salat - und erntet ein Feld in derselben Zeit ab, die sonst 20 Arbeiter in Handarbeit brauchen.
  • Ernteroboter für Erdbeeren: Das von der Firma "Agrobot" entwickelte Modell wird in Huelva, dem größten Erdbeeranbaugebiet Spaniens, und in Kalifornien erprobt. Die mehr als vier Meter lange Ernteeinheit besitzt 20 Greifarme, die mit Hilfe von einem Auffangkörbchen und zwei Messern nur die reifen Früchte ernten - im Schnitt so viele Erdbeeren wie sechs Pflücker.
  • Leichtgewicht-Roboter: Da Traktoren den Boden zu stark verdichten, wird derzeit mit kleinen Robotern auf breiten Niedrigdruckreifen experimentiert, die zusammenwirkend agieren und auf diese Weise verschiedene Aufgaben wie das Jäten, das Besprühen mit Pflanzenschutzmitteln und das Ernten erledigen.
  • Präzisions-Landwirtschaft: Mit Hilfe automatischer Lenksysteme fahren Traktoren auf 5 cm genau über das Feld. Der Landwirt kann sich voll auf das Programmieren und Überwachen des Sonderzubehörs konzentrieren, mit dessen Hilfe die Ausgabemenge von Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln je nach Bodenbeschaffenheit eines Areals oder Befall der dort wachsenden Pflanzen variiert werden kann. Bei der Ernte werden die Erträge kleinräumig erfasst, sodass im nächsten Jahr eine gezieltere Saat und Düngung möglich sind.

Bedenkt man, wie schnell der technologische Wandel verläuft, kann es durchaus sein, dass Landwirte in 10 oder 15 Jahren mehr Zeit im Büro mit dem Programmieren und Überwachen vollautomatischer Maschinen als an der frischen Luft verbringen werden. Und wenn sie mit Traktoren und Mähdreschern unterwegs sind, werden sie dort in einer vollklimatisierten Fahrerkabine sitzen, umgeben von Bildschirmen und Eingabegeräten. Vielleicht wird in 15 oder 20 Jahren auch das Fahren unbemannter Maschinen auf öffentlichen Straßen erlaubt sein, sodass der Landwirt von seinem Büro aus nur noch den "Einsatzbefehl" geben muss. Dies ist nicht unrealistisch: In einigen US-Staaten dürfen bereits sich selbst steuernde PKWs und LKWs fahren; und auch auf deutschen Autobahnen sind bereits Fahrzeuge unterwegs, deren Fahrer nur noch die Elektronik überwachen.

Allerdings werden sich in Zukunft wohl nur landwirtschaftliche Großbetriebe solche vollautomatischen Maschinen und Roboter leisten können. Deren Mitarbeiter werden eher Techniker und Computerfachleute als "klassische" Bauern sein. Je knapper die Nahrungsmittel und je größer damit die Gewinnmargen werden, umso mehr werden auch Investoren in die Landwirtschaft drängen. Schon jetzt werden in vielen Ländern - auch in Deutschland - forst- und landwirtschaftlich genutzte Flächen von Investoren aufgekauft. Börsennotierte Unternehmen wie z.B. die KTG Agrar AG, die im Jahr 2013 mehr als 40.000 Hektar Ackerland in Deutschland und Litauen bewirtschaftet, werden eine größere Rolle spielen.

So wird die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe weiter zurückgehen. Alleine zwischen 2010 und 2012 gab es laut Statistischem Bundesamt einen Rückgang um knapp 4% von 299.100 auf 288.200 Betriebe. Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Betriebsgröße von 56 auf 58 Hektar. Laut der Landwirtschaftszählung 2010 gab es bei 128.600 landwirtschaftlichen Familienbetrieben, deren Inhaber 60 Jahre und älter waren, keine Hofnachfolge. Es ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Familienbetriebe in den kommenden Jahren aufgegeben werden.

In der ferneren Zukunft könnte das "Höfesterben" durch zwei bisher noch kaum in Erscheinung getretene "Wirtschaftszweige" beschleunigt werden: Der eine ist die vertikale Landwirtschaft. Hier soll die Tier- und Pflanzenproduktion in die direkte Nähe der Verbraucher gebracht werden: Sie wird dann in der Stadt in mehrstöckigen Gebäuden erfolgen, in denen Tiere gezüchtet bzw. ganzjährig Gemüse, Salat und Pilze erzeugt werden. Durch Kreislaufwirtschaft soll zugleich ein Beitrag zum Umweltschutz geleistet werden. Laut einer Studie der Columbia University würden 150 vertikale Farmen ausreichen, um New York City mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Der andere Konkurrent von Landwirten könnte die Industrieproduktion sein. So wurde im August 2013 der erste künstlich erzeugte Hamburger der Öffentlichkeit vorgestellt: Das Fleisch wurde von Mark Post, Mediziner an der Universität von Maastricht, im Labor mit Hilfe von Stammzellen aus dem Muskelgewebe einer Kuh gezüchtet; der daraus gebratene Hamburger wurde auf einer Pressekonferenz in London verkostet. Fleisch aus der Fabrik könnte eine umweltfreundliche Alternative zu konventionell produziertem Fleisch sein, da bis zu 96% weniger Treibhausgase anfallen würden. Auch könnte es gesünder sein, wenn z.B. der Fettgehalt reduziert oder das Fleisch mit Vitaminen und Mineralien angereichert wird. Schließlich könnte auf diese Weise die von vielen Tierschützern und Verbraucherverbänden kritisierte Massentierhaltung abgeschafft werden.

Anzumerken ist, dass seit einigen Jahren auch mit der fabrikmäßigen Zucht von Algen experimentiert wird. Dabei steht noch das Erzeugen von Biomasse im Vordergrund. Algen ließen sich aber auch zu pflanzlichen Lebensmitteln weiterverarbeiten...